„Was war für Dich das Highlight des Workshops vom Wochenende?“ fragte ich vor ein paar Tagen Wolfram. Ende August hatte ich anlässlich meines 25-jährigen Jubiläums der Selbständigkeit als Beraterin und Coach den „Leadership Collective“-Workshop durchgeführt.

Die Idee wuchs mit meiner zunehmenden Anzahl an Einzelcoachings. Oft schlägt sich mein Gegenüber mit einem Thema herum und ich arbeite mit einem anderen Coachee, der dieselbe Fragestellung für sich bereits beantwortet hat. Dessen persönliche Erfahrung wäre eine tolle Hilfe. Oft vermute ich, dass mein Gegenüber diese Person mögen würde. Schließlich arbeite ich nur mit Menschen, die ich selbst als angenehm empfinde. Ein Luxus, ich weiß. Wie wäre es, wenn die beiden sich direkt austauschen könnten? So entwickelte sich das Konzept „Leadership Collective“.

  • Knaller-Menschen zusammenbringen, die ihre Egos zurückstellen und anderen wirklich zuhören können
  • Einen Rahmen für einen wahrhaftigen, tiefen Austausch auf Augenhöhe schaffen
  • Gemeinsam sinnieren, Erfahrungen zusammenzuwerfen, um Antworten auf nicht so einfache Fragen zu finden
  • Miteinander lachen und bei allem Tiefgang einfach eine gute Zeit haben
  • Last but not least, da bin ich dann doch egoistisch: selbst etwas lernen
  • Inhalte des Workshops: das, was aus Sicht der Teilnehmenden gerade dran ist

So kam es dann auch. 12 Teilnehmende, im zauberhaften Château du Haut-Neubois, Bewegung (Yoga, Pilates Danke hier an Julia, Laufen), köstliches Essen, musikalische Begleitung durch den wundervollen Holger Queck, spannende Gespräche, tiefe, menschliche Begegnungen und eine Menge Spaß.

Was war Wolframs Highlight? Die Antwort kam ohne Zögern: „Der Vortrag von Benjamin zum Thema Gerechtigkeit!“ Eine gute Wahl.

Gerechtes Führen, warum es keine einfachen Antworten gibt

Benjamins Spontan-Vortrag ist ein Paradebeispiel dafür, wie das „Leadership Collective“ arbeitet. Beim Mittagessen entwickelte sich über die Frage, warum man „Schnick, Schnack, Schnuck“ ohne Brunnen spielen sollte, eine Diskussion über das Thema Gerechtigkeit. Daraufhin erklärte Benjamin, ob etwas als gerecht oder ungerecht erlebt wird, habe in der Regel etwas damit zu tun, welche Kriterien herangezogen werden, um Gerechtigkeit zu definieren. Derer habe er in Vorbereitung einer Seminarreihe zum Them „Gerechtes Führen“ unter Analyse zahlreicher wissenschaftlicher Artikel drei identifiziert: Leistung, Bedürftigkeit und Gleichheit.

  1. Leistung: im Sport trägt in der Regel derjenige den Sieg davon, der die beste Leistung erbringt, z.B. der Athlet, der am schnellsten läuft, am weitesten wirft oder springt. Man würde es als ungerecht empfinden, wenn jemand anderes die Goldmedaille erhielte. Auch im Geschäftsleben wird dieses Prinzip angewendet. Wer mehr leistet, mehr Stunden arbeitet, mehr Verantwortung trägt, mehr Umsatz macht etc., der verdient mehr Geld. Über die „korrekte“ Messung des Mehrs kann man trefflich streiten. Zudem ist kein Ergebnis in der Wirtschaft ausschließlich auf die Anstrengung oder Kompetenz einzelner Personen zurückzuführen. Manchmal ist sogar Glück im Spiel. Oder Pech. Es kommt somit nicht von ungefähr, dass sich bei Leistungsbeurteilungen im Unternehmen stets eine signifikante Anzahl an Menschen ungerecht behandelt fühlt. Dennoch wird das Leistungsprinzip in keinem Unternehmen, das ich kenne, grundsätzlich in Frage gestellt.
  2. Bedürftigkeit: Krankenversicherungen funktionieren so, dass jeder einzahlt, aber nur derjenige Leistung erhält, der sie benötigt. Für eine Operation, einen Krankenhausaufenthalt oder Medikamente etc. Es kann sein, dass jemand sehr viel Geld bezahlt und nie eine Gegenleistung erhält. In vielen Unternehmen gibt es die Regelung, dass Eltern in Schulferienzeiten vorrangig Urlaub nehmen dürfen. Schließlich müssen sie die Kinderbetreuung sicherstellen. Das wiederum empfinden Menschen ungerecht, die das folgende, nämlich das dritte Prinzip anwenden:
  3. Gleichheit: gleiches Recht für alle. Auch das findet in Unternehmen seine Anwendung. In einer Versicherung gab es über viele Jahre für jeden Mitarbeitenden eine Weihnachtstüte, unabhängig vom Rang oder ob man „nur“ Teil-  oder Vollzeit arbeitete. Jeder Mitarbeitende bekam eine. Unverhandelbar war im Übrigen auch die Farbe der Weihnachtstüte. Der Hüter des Corporate Designs bestand bei dieser auf die Einhaltung der „unbunten Farbskala“: d.h. verschiedene Abstufungen von Grau waren zulässig, weihnachtliches Rot hingegen nicht. Jede Tüte enthielt ein Exemplar des Romans, den das Unternehmen in dem jeweiligen Jahr als Sonderedition herausgab, mit einem (Sie ahnen es) in grau gehaltenem Cover, und eine „farblich“ passende Weihnachtskarte. Zusätzlich wurden Tüten mit weiteren, noch festlicheren Items bestückt. Damit ging der Stress richtig los. Einer mag Stollen grundsätzlich nicht. Einer liebt Stollen, aber auf keinen Fall mit Marzipan, welches für andere hingegen zwangsläufig in einen Stollen gehört. Manche finden Alkohol unpassend. Manche freuen sich über eine Flasche Champagner, die sie sich privat nie leisten würden. Muss das aber sein, dass der Vorstand auch eine erhält? Bei dem Gehalt kann der sich doch wahrlich selbst Champagner kaufen. Sollte nicht stattdessen der Spüler in der Küche zwei Flaschen erhalten? Womit wir wieder bei der Bedürftigkeit wären. Selbstverständlich war bei der Frage der Bestückung der Weihnachtstüte stets die Arbeitnehmervertretung involviert, um für eine passende, um nicht zu sagen gerechte Lösung zu sorgen. Man schlug Gutscheine eines Feinkostladens vor. Das fanden nun einige zu unpersönlich.

Was lernen wir daraus?

  • Man kann diverse Prinzipien heranziehen, um für eine subjektiv gerechte Lösung zu sorgen.
  • Die Suche nach gerechten Lösungen führt nicht zwangsläufig zu innerem Frieden. Auch nicht an Weihnachten.
  • Manche Unternehmen schlagen sich mit Problemen herum, die andere gerne hätten.
  • Die menschliche Fähigkeit zu leiden ist nahezu unendlich.

Diese Beispiele sind nicht alle während des Workshops genannt worden. Manche kamen mir Tage nach der Veranstaltung in den Sinn, während des Schwimmtrainings oder auf dem Weg ins Büro. Der Vortrag von Benjamin arbeitete in mir weiter. Überrascht stellte ich fest, dass er mir bei einer Konfliktmoderation half. Es fiel meinem Ego so viel leichter, die Suche nach einer gerechten Lösung in meinem eigenen Kopf zu beenden, da ich verstanden hatte, dass die Konfliktparteien jede Lösung als ungerecht empfinden würden, weil sie unterschiedliche Kriterien für die Bewertung der Gerechtigkeit heranzogen. Die dadurch frei gewordenen Hirnkapazität stand mir für das Glätten der Wogen zur Verfügung. Wieder was gelernt. Mission accomplished.

Gemeinsame Erfahrung, die nachwirkt

Von den Teilnehmenden des Workshops bekomme ich weiterhin Rückmeldungen folgender Art:

  • Die Ideen zum Umgang mit High-Performern, die ein Teilnehmer bei einer Break-out Session erfragt hat, konnte ich wiederum bei mir im Unternehmen einbringen.
  • Die Erfahrungen, die ein anderer Teilnehmer bzgl. seines Unternehmensverkaufs geteilt hat, sind Gold wert für meinen eigenen Entscheidungsprozess.
  • Es hilft zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin, der sich in einer Top-Position inhaltlich unterfordert fühlt. Das lässt mich viel wertschätzender auf meinen Arbeitgeber blicken.
  • Wie schön, dass meine fachliche Expertise, die im eigenen Unternehmen selbstverständlich ist, von anderen so wertgeschätzt wird.
  • So wohltuend mit Gleichgesinnten gemeinsam durchzuatmen.

Nach wie vor bin ich verzaubert davon, wie diese spannendenden Individuen für 48 Stunden zu einem Kollektiv zusammengewachsen sind. Was ich höre, auch darüber hinaus.

Fortsetzung folgt

Ich hätte nicht zu träumen gewagt, dass „Leadership Collective“ so hervorragend funktioniert. Es wird eine Fortsetzung 2027 geben, ganz ohne Jubiläum dieses Mal. Kein Mensch weiß heute, welche Themen dann die Knaller-Menschen bewegen werden. Ich bin mir aber 100% sicher, es wird ein wertschöpfendes Miteinander. Auf Augenhöhe, mit Tiefgang und einer Menge Spaß.

Was mein persönliches Highlight dieser Veranstaltung war? Was nicht? Oder doch, eins fällt mir ein: Sie hatten Alpakas im Château du Haut-Neubois.