„Wie bekommen wir mehr Frauen in Führungspositionen?“ ist eine Frage, die nahezu alle Unternehmen beschäftigt. Obwohl zum Berufseinstieg das Verhältnis Frauen zu Männer 50:50 in vielen Unternehmen ist, verschlechtert es sich mit steigendem Hierarchielevel. Auf Top-Führungsebene finden sich nach wie vor unter 30% Frauen. Was wird nicht alles seit Jahrzehnten mit geringer Wirkung versucht, um den entgegenzuwirken: Frauen-Quoten, – Förderprogramme, -Netzwerke etc. An dem Verhältnis Frauen zu Männern ändert sich auf Top-Level nichts.

Das mysteriöse Verschwinden der Frauen im Line-up

Noch krasser ist es beim Surfen. In Anfängerkurse stellen Frauen über 50% der Teilnehmer. Mit zunehmenden Surflevel verschwinden sie auf mysteriöse Art und Weise. Surfer, die sich in anspruchsvollere Wellen wagen, sind in der Regel Männer. Nun muss man wissen: gute Wellen sind eine knappe, stark umkämpfte Ressource, ähnlich wie Top-Positionen in der Wirtschaft. Man muss ich im Line-up schon behaupten, um eine zu ergattern. Woran liegt das, dass dies Frauen weniger gelingt als Männern?

  • Verfügen Frauen nicht über die notwendigen Kompetenzen und Skills?
  • Liegt es am mangelnden Ehrgeiz und einer geringer ausgeprägten Wettbewerbsorientierung?
  • Oder gibt es auch im Meer eine gläserne Decke, die Frauen nicht durchbrechen können?

Ursachen gibt es wohl mehrere und nun? Wer etwas gegen den geringen Anteil an Frauen in anspruchsvolleren Wellen tun möchte, sind Quirin Rohleder, Head of Surf, und Linda Zinßer, Customer Service, der O2 Surftown MUC in Halbergmoos bei München. Bei der O2-Surftown MUC handelt sich um Europas größten Surfpool, eine überaus beeindruckende Anlage, in der Kinder und Erwachsene erste Anfängerwellen ausprobieren und Profis anspruchsvolle Wellen und Barrels surfen können.

Women only Sessions: Community und Safe Space

Anfang Mai haben mein Surfbuddy Sunshine Makarow und ich der O2 Surftown MUC einen Besuch abgestattet, da Sunshine an einem Artikel für das Wavepool Magazine zum Thema Frauen und Surfen schrieb. In der O2 Surftown MUC findet seit diesem Jahr monatlich eine „Women only session“ für Mitglieder statt. Man möchte damit eine Community unter Frauen schaffen und einen Raum, in dem Frauen sich unabhängig vom kompetitiven Gehabe mancher Männer im Surfsport ausprobieren können. Die Mai-Session fand auf dem Advanced level statt. Linda, die Organisatorin, bedauerte es ein wenig, dass die Session nicht ausgebucht war. Die intermediate Session im Vormonat und die des Folgemonats war restlos ausgebucht gewesen.

„Ich bin noch nicht auf dem Level“

Was ist das los? Gibt es (noch) nicht genügend Surfkompetenz unter den Frauen in München? Linda meinte: „Oft sehen wir Frauen in der intermediate Welle, die aus unserer Sicht bereit wären für die Advanced. Von diesen Frauen hören wir häufig: „Ich bin noch nicht auf dem Level“, auch wenn erfahrene Coaches das anders sehen, und die haben den Vergleich! Bei Männern beobachten wir eher das Gegenteil: es gibt einige, die ihre Skills überschätzen und ein zu hohes Wellenlevel surfen. Dass sie dann eine Welle nach der anderen vermasseln, scheint ihnen aber nicht viel auszumachen.

Es trifft mich wie der Blitz aus heiterem Himmel und denke an Martina. Martina arbeitete seit Jahren als Managerin in einem Industriekonzern. In diversen Talent Reviews wurde ihr bestätigt, dass man sie als Kandidatin für das C-Level sah. Martina selbst war sich nicht schlüssig, ob eine derartige Rolle das richtige für sie sei. Ein Coaching sollte diesbezüglich für Klarheit sorgen. Gleichzeigt stand keine akute Entscheidung an, da die in Fragen kommenden Posten in Martinas Unternehmen gut besetzt waren: von Männern!

Scheitern als Lernerfahrung – ‚rein in die Wellen!

Wenige Wochen nachdem wir mit dem Coaching gestartet hatten, wurde Martina von einem Headhunter für eine Top-Position bei einem Wettbewerber angesprochen. Sie nahm an einem Audit teil, eine andere Bewerberin setzte sich jedoch durch Martina bekam den Job nicht. Dies verstärkte Martinas Selbstzweifel. „Dann bin ich nicht auf dem Level“ entwickelte sich zu einem Mantra, das ihr Selbstbewusstsein in den Keller rauschen ließ. Egal wieviel Zuspruch sie in ihrer aktuellen Rolle von Kunden, ihrem CEO, Kollegen und auch mir als Coach bekam, die Stimme des Selbstzweifels war lauter. Notfalls wurden alte Geschichten von verpatzten Mathe-Klausuren aus der 11. Klasse als Bestätigung für die These, dem Level nicht gewachsen zu sein, herangezogen. Im Weiteren arbeiteten Martina und ich daran, das „Scheitern“ als Lernerfahrung zu betrachten. Einen Job oder eine Welle nicht zu bekommen, fühlt sich doof an, man stirbt aber nicht dran. Es bedeutet weiterhin nicht, dass es beim nächsten Mal nicht klappen wird. Für das Bestehen von Verfahren auf Top-Level, und das Überzeugen von Aufsichtsräten gilt: es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wie beim Surfen heisst es nicht umsonst: Übung macht den Meister. Also rein in die Wellen!

Wege ausprobieren, die nicht funktionieren

Eine Stunde vor unserer „Women only Session“ treffen wir uns zu einem Get-together. Wir – das ist eine Gruppe äußerst sympathischer und beeindruckender Frauen. Einige waren surftechnisch auf der ganzen Welt unterwegs. Andere surfen seit Jahren die berühmte Eisbachwelle, in die ich mich Übrigens auch nach 7 Jahren Surfen im Meer nicht traue. Sie wissen warum: „Auf dem Level bin ich nicht!“;-)). Für zwei der Ladys ist es das erste Mal auf der Advanced Welle. Sie sind eher verhalten und sorgenvoll. „Ich entschuldige mich jetzt schon dafür, sollte ich es nicht auf die Welle schaffen und im Weg rumliegen“ heißt das dann im Surfer-jargon. Es ist möglich, dass man, wenn man das erste Mal eine neue Welle versucht, keine einzige erwischt. Ich zitiere meine Coach Matt Griggs: „Du bist nicht gescheitert, du hast nur verschiedene Wege ausprobiert, die nicht funktionieren“.

Stoked – Eine ganz nomale Surfsession

Genug geredet, let the surfing do the talking. Es folgt eine ganz normale Surfsession. Jede der Teilnehmerinnen verpasst genau wie ich mal eine Welle. Der Surfpool bietet jedoch im Gegensatz zum Meer , in dem ja jede Welle anders ist, die Möglichkeit, ein und dieselbe Welle immer wieder zu surfen und an seinen Skills zu arbeiten. In dieser Stunde 16 Mal! Jede der Surferinnen hat einen (kleinen) Lernerfolg. Von außen ist es unmöglich zu erkennen, wer das erste Mal dabei ist und wer nicht. Wie immer bewahrheitet sich: 90% der Dramen in unserem Leben haben nie stattgefunden, außer in unserem Kopf. Es wird gejubelt und gelacht. Die Stimmung ist ganz besonders gelöst und euphorisch. Der berühmte „Surfer‘s stoke“ stellt sich ein. Ist das der Effekt einer reinen Frauen-Veranstaltung? Fühlt es sich nicht unabhängig vom Geschlecht für jeden Menschen großartig an, wenn er Ängste überwindet?

Martina hat Übrigens vor kurzem eine C-Level-Position angeboten bekommen. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, Scheitern ist potenziell möglich. Die Stelle beinhaltet aber auch alles, was Martina wichtig ist: eine sinnvolle Aufgabe, bei der man etwas bewegen kann, ein tolles Team und ein äußerst attraktives Gehalt. Die erforderlichen Skills wurden ihr in einem Audit bestätigt. Sie hat das Vertrauen des Aufsichtsrats und der zukünftigen Kollegen. Sie hat Zuspruch aus ihrem privaten Umfeld. Dennoch hätte sie die Stelle fast wegen ihrer Selbstzweifel nicht angenommen. Wiederum führte sie Argumente an, die ich von Männern so gut wie nie zu hören bekomme, vor allem die Angst, die Beziehung zu ihren Kindern könne aufgrund der Arbeit leiden. Echt jetzt? Wieviele Männer hat diese Angst bei ihrer Karriere gestoppt? Keine weiteren Fragen.

Unterschiedlicher Umgang mit Ängsten jenseits der Komfortzone

Wie bekommen wir mehr Frauen in (Top-) Führungspositionen?

  • Tun sich Männer leichter damit, ihre Zweifel und Ängste, die in allen neuen Situationen (= jenseits der Komfortzone) auftauchen, zu ignorieren und nach vorne zugehen.?
  • Lassen dieselben Ängste und Zweifel Frauen in vergleichbaren Situationen eher zögern oder Nein zu einer Gelegenheit sagen?
  • Gehen Unternehmen genau dadurch einige wertvolle Managerinnen auf der Karriereleiter verloren?

Es wäre schön, wenn dem so wäre. Denn das wäre ja veränderbar, indem man Sorgen und Ängste auf den Tisch bringt und sie Schritt für Schritt auseinandernimmt. Ich bin mir nicht sicher, ob es hierfür spezielle Frauenveranstaltungen braucht. Was auf jeden Fall nicht schadet, ist die Erinnerung: Wenn andere dir das Level zutrauen, könnte es sein, dass sie wissen wovon sie reden!

Es ist Deine Welle, hol sie dir!

 

Fotos: Rodrigo Soares