„Wie läuft es aktuell in Deinem Bereich?“ fragte ich diese Woche Michael zu Beginn unseres Termins. Strahlend antwortete er: „Ziemlich rund! Wir haben Anfang des Jahres in einer Reihe von Workshops unsere Prozesse überarbeitet. Seitdem bekommen wir unsere P.S. deutlich besser auf die Straße.“

Ich war positiv überrascht. Seit mehreren Jahren berate ich das Unternehmen, in dem Michael tätig ist. Der Bereich, den er vor einem Jahr übernommen hat, war über längere Zeit eine berüchtigte Baustelle. Sein Vorgänger war notwendige Veränderungen, nur halbherzig angegangen. Es gab kräftezehrende Reibungsverluste. Streitereien und Schuldzuweisungen prägten das Miteinander im Bereich.

Ich: „Und wie ist die Stimmung in der Mannschaft?“
Michael „Hat sich erheblich verbessert.“
Ich: „Wie gut!“ rief ich begeistert.“
Michael „Ja, aber ich hatte auch super Unterstützung von einer Unternehmensberatung. Die haben echt gut geliefert. Allein hätte ich das nie hinbekommen.“

Während er dies sagte, sackte er in sich zusammen. Sein Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Er wirkte fast ein wenig bedrückt. Was war passiert? Michael ist ehrgeizig und sucht stets nach der optimalen Lösung. Zudem ist er überzeugt davon, dass Ergebnisse „besser“ sind, wenn man sie ohne fremde Hilfe und unter Anstrengung hart erarbeitet hat. Dieses Bild vom Helden, der sich erfolgreich alleine durchkämpft, ist in den Köpfen vieler Führungskräfte fest verankert. Ich nenne es das Superhelden-Ego. Es glaubt, dass der Wert eines Menschen einzig und allein von der persönlichen Leistung(-sfähigkeit) abhängt. Es treibt einen an und ist nie zufrieden. Das überträgt sich auf einen selbst. Ich kenne das und erzähle Michael eine Geschichte.

Die größte Welle ihres Lebens

Vor ein paar Wochen war ich zur Fortbildung bei meinem High Performance Coach Matt Griggs und seinem Kollegen, dem Profisurfer Taylor Knox. Sie veranstalten jedes Jahr eine Surf-Reise auf die Malediven. Dort geht es jedoch nicht darum, perfekte Wellen zu surfen, sondern um persönliche Weiterentwicklung. Man arbeitet daran, sich selbst besser zu verstehen und unnötige Ängste und Kämpfe loszulassen. Ich selbst verspreche mir davon Inspirationen für das Coaching meiner Kunden. Und ja, ich gebe es zu, es wäre schon schön, wenn ich auch beim Surfen vorankäme. Da ich um mein Superhelden-Ego weiß, habe ich als Geheimwaffe ein spezielles Surfboard anfertigen lassen: es ist pink und glitzert in der Sonne. Es soll mich dran erinnern, nicht zu verkrampfen und das Surfen zu genießen.

Bei der ersten Session waren die Wellen klein und perfekt für den Einstieg für den deutschen Hobby-Surfer – läuft! Am zweiten Tag gelangten wir jedoch an einem Surfspot, an dem die Wellen sehr groß für mein Surflevel waren. Gemeinsam mit Matt paddelte ich ins Line-up. Er sprach mir Mut zu. Er würde die perfekte Welle für mich heraussuchen und mir einen Schubs geben, um sicherzustellen, dass ich es auch auf die Welle schaffe. So kam es auch. Was soll ich sagen: ich surfte die größte Welle meines Lebens. Auf einem pinken Surfboard mit Glitzer. Alles richtig gemacht.

Positives Feedback – ungenießbar und unverdaulich

Ich beendete die Surfsession mit einem fetten Grinsen im Gesicht und hätte nicht glücklicher sein können. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne mein Superhelden-Ego gemacht. 25 Jahre Selbständigkeit haben mich darin geübt, alles allein zu schaffen. Hilfe von außen? Brauche ich nicht. Selbst ist die Frau. Mein Superhelden-Ego meldete sich:

  • Du hast die Welle nicht alleine angepaddelt.
  • Ohne den Schubser von Matt hättest Du das nie geschafft.
  • Nur Anfänger lassen sich in Wellen schubsen. Wie peinlich!
  • Du hast hier nichts zu suchen.

Da half es auch nicht, dass ein paar von den Mitreisenden meine Welle begeistert kommentieren mit „Ich habe Dich auf einer Bombe gesehen“. „Die Welle war riesig.“ Für mich fühlte es sich wie eine große Lüge an. Die positive Rückmeldung war für mich ungenießbar und unverdaulich, so wie ein blutiges Steak für einen Veganer.

Nichts klappt – Germany Zero points

Am nächsten Tag wechselten wird den Surfspot, zu kleineren Wellen. Mein Ego sprach beharrlich auf mich ein: „Du surfst seit sieben Jahren. Du schaffst das alleine. Los!“ Beim ersten Take-off knalle ich auf‘s Riff und hole mir eine Schnittwunde an der Hand. Meine Gedanken werden düster, drehen sich im Kreis und ziehen mich nach unten. Ich verliere die Lust am Surfen. Aufgeben ist keine Option, sagt mein Ego. Ich quäle ich mich zwei weitere Stunden, ohne eine einzige Welle zu erwischen und komme zu dem Schluss: Ich kann gar nicht surfen. Germany Zero Points.

Die Quälerei geht einige Tage so weiter. Ich kämpfe in jeder Surfsession mit meinem Ego und surfe unter meinen Möglichkeiten. Eine Nacht heule ich vor Wut. Als ich das erzähle, schaut mich Michael an, als wäre ich vollkommen irre – zurecht.

Ziele, die zu Erwartungen werden

Zum Glück bescherte uns der Gott des Meeres zwei wellenfreie Tage. Zeit, etwas Abstand zum Surf zu gewinnen, für Selbstreflexion und Gespräche mit meinen Mitreisenden. Wir arbeiteten an unterschiedlichen Fragestellungen, die nichts mit dem Surfen zu tun haben, wie z.B. der Frage, wie man eine Unternehmenskultur von Wertschätzung gestaltet. Es tat gut, mein Gehirn mit spannenden Themen jenseits des Surfens zu beschäftigen. Langsam entwich der Druck aus meinem System. In den Workshop-Einheiten und nach der morgendlichen Meditation notierte ich eifrig Gedanken, Fragen und inspirierende Merksätze. Besonders hängen geblieben waren mir:

  • Bedürftigkeit ist ein Ergebnis davon, dass das Ego / der Intellekt vergleicht und nach Bestätigung sucht
  • Lass dein Ziel nicht zu einer Erwartung werden. Wenn das passiert, übe dich im detachment (loslassen)

Der beste Surfer ist ….

Ich erkläre Michael, dass mein Ego mir hartnäckig unrealistisch hohe Ziele setzt. Es interessiert es sich ausschließlich dafür, ob ich diese mit harter Arbeit erreicht habe. Wie es mir dabei geht, spielt jedoch keine Rolle. Aber welches Ergebnis…

  • …beruht ausschließlich auf einer Einzel-Leistung? Es gibt immer Menschen, die Zuarbeiten oder einen Rahmen schaffen, welcher das Ergebnis erst ermöglicht.
  • …ist rein auf Anstrengung zurückzuführen? Glück spielt immer eine Rolle und Mühelosigkeit korreliert mit Können. Alles ist leicht, wenn man es kann.

Selbst wenn ich ein Ziel erreicht habe, fällt meinem Ego im Nachhinein IMMER etwas ein, was ich noch besser hätte machen können. Ist das Thema der individuellen Leistung nicht furchtbar langweilig? Wer, außer meinem Ego interessiert sich schon dafür? Worüber reden wir eigentlich? Über einen Schubser? Worum geht es wirklich? Was bringt mir das Surfen? Und was bringe ich in das Surfen hinein? Es heißt: der beste Surfer ist der, der am meisten Spaß hat. Das hatte ich trotz des pinkfarbenes Surfboards vergessen. Es hat etwas gedauert, mich wieder daran zu erinnern. Zum Abschluss der Session zeige ich Michael ein Bild von mir auf einer Welle. Wir lachen beide. Wie absurd ist meine „Leidensgeschichte“ dazu?

Als Coach mache ich Menschen darauf aufmerksam, mit welch absurden Konzepten und Ideen sie sich und anderen das Leben zur Hölle machen. Oft lachen wir drüber. Das schafft Distanz zum Ego. Ich erinnere sie daran, was ihnen wirklich wichtig ist, worum es für sie geht. Das fühlt sich für den Coachee klar und frei an und macht Fakten verarbeitbar. Gestern sprach ich mit Michaels Chef. Dieser äußerte sich sehr begeistert über die Entwicklung in Michaels Bereich. Er sei mit Michaels Leistung äußerst zufrieden. Ich bin auf Michaels Perspektive gespannt, wenn wir uns das nächste mal sehen.

Photos by Andy Potts