„Sagen Sie, wo sehen Sie sich in zehn Jahren?“ ist eine von diesen Fragen, die immer wieder in Interviews gestellt wird. Es gibt keine Idealantwort darauf. Manch eine ambitionierte Führungskraft will hören, dass der Kandidat spätestens in fünf bis zehn Jahren den Posten der Führungskraft eingenommen haben möchte. Das zeuge von ausgeprägter Leistungsmotivation und Zielorientierung. Bei anderen Vorgesetzten oder Personalexperten würde man sich mit genau dieser Antwort aus dem Rennen um den Posten eliminieren. Diese wären dann der Überzeugung, es fehle dem Bewerber an Demut.

Tatsächlich ist diese Frage wenig hilfreich, um etwas über einen Bewerber zu erfahren. In der (Eignungs-) Diagnostik geht man davon aus, dass der beste Prädiktor für zukünftiges Verhalten das Verhalten aus der Vergangenheit ist. Soll heißen, wenn ich in meinem bisherigen Leben ehrgeizig und engagiert gearbeitet oder studiert habe, dann werde ich das mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft tun. Wenn ich in der Vergangenheit eher auf Effizienz Wert gelegt und Ergebnisse mit möglichst wenig Aufwand erzielt habe, handelt es sich dabei um eine bewährte Erfolgsstrategie, die ich auch in Zukunft beibehalten werde. Wenn man also etwas über die Zielorientierung und Frustrationstoleranz eines Kandidaten erfahren möchte, wäre es somit sinnvoller zu fragen:

  • Welche Ziele haben Sie sich in der Vergangenheit gesetzt?
  • Wie haben Sie auf diese hingearbeitet?
  • Wie sind Sie damit umgegangen, wenn Sie diese nicht erreicht haben?

Zielführend im Sinn der Diagnostik wäre es auch, die Antworten auf diese Fragen jeweils abzuwarten. Das würde sehr dabei helfen, die Eignung des Kandidaten treffsicherer einzuschätzen. Bei vielen Interviews, die ich gemeinsam mit Kunden geführt habe, bestand mein Hauptjob darin, den Redefluss der Interviewer zu bremsen.

Hinzukommt bei obiger Frage der Zeithorizont: Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Je länger der Zeithorizont, umso ungenauer werden sie. Zehn Jahre. Oder gar 15? Mein Sohn hat gerade Abitur gemacht. In seine Abiturbuch hat jeder Schüler die Frage beantwortet, was er in 15 Jahren sein möchte. Viele antworteten: „32“. Manch einer sah sich verheiratet und mit einer Familie, auf einem Managerposten. Pläne, Ziele, Träume vom großen oder kleinen Glück.

Ist es nicht das, was die meisten Menschen mit ihrem Beruf oder einer Karriere verbinden? Wenn ich diesen Posten oder jenes Ziel erreicht habe, dann bin ich glücklich? David Michie unterscheidet in seinem sehr lesenswerten Buch „Täglich 1 x Erleuchtung“ zwischen Vergnügen und Glück. Vergnügen ist „etwas, was wir aus einem Objekt, einem Ort oder einer Person beziehen. Es ist definitionsgemäß von den jeweiligen Umständen abhängig.“ Das kann ich gut nachvollziehen. Seitdem ich vom Surfvirus befallen bin, plane ich all meine Urlaube danach, wo gerade welche Welle läuft, denn es gibt mir ein unglaublich gutes Gefühl, eine Welle zu surfen. Fast bin ich geneigt zu sagen, nichts macht mich glücklicher. Aber nach drei Stunden im eiskalten Atlantik sehne selbst ich mich nach einer heißen Dusche und einem wärmenden Milchkaffee. Insofern ist Surfen – liebe Surffreunde verzeiht mir – kein Glück, sondern nur ein Vergnügen. Wenn man eine dieser Surfsessions hat, wo einem nichts gelingt und düstere Gedanken das Ruder übernehmen, ist es nicht einmal mehr das. Dann stellen sich Wut, Frust, Selbstzweifel und Enttäuschung ein.

Das trifft auch auf den Beruf zu. Es stimmt einen froh, wenn man auf eine Stelle (lange) hingearbeitet hat und schließlich befördert wurde. Doch wie lange währt diese Freude? Und was passiert, wenn sich der Erfolg nicht einstellt? Ich kenne das. Meine erste berufliche Station war bei Andersen Consulting. In der Regel wurde man nach 24 Monaten von einem Analysten zu einem Consultant befördert. Es sei denn, man war bei den Rankings in der Kategorie 1 gelistet worden, dann ging es schon nach 22 Monaten. Nun hatte ich im November 1995 meine Tätigkeit dort aufgenommen, die Beförderungsrunde war im September 1997. Obwohl man mir bestätigt hatte, ich mache meine Arbeit sehr gut, war ich nur Kategorie 2. Ich wurde ich nicht befördert, mir fehlten zwei Monate oder ein besseres Ranking. Die Konsequenz: ein halbes Jahr Wartezeit bis zur Beförderung. Mit dieser war im Übrigen kein Privileg verbunden. Es änderte sich nur der Titel auf der Visitenkarte. Dennoch gab es Evaluationen, Rankings der Berater, Sichtungsrunden. Ein Riesenaufwand, um die Beförderungen möglichst objektiv und fair zu gestalten. Rational konnte ich das alles nachvollziehen. Ich war dennoch zutiefst gekränkt. Es war mir neu, nicht ganz oben mitzuspielen. Das kannte ich nicht. Wut, Frust, Selbstzweifel und Enttäuschung rauschten durch mich hindurch. Mein Ego lief Amok und ließ mich auf Jobsuche gehen. Ich verließ das Unternehmen am Ende des Jahres.

Heute bin ich seit vielen Jahren in der glücklichen Situation, dass ich meinen Traumberuf habe, der meine Familie und mich gut ernährt. Ich bin unendlich dankbar, dass man mich damals NICHT befördert hat. Ich wäre ansonsten sicherlich länger geblieben und wer weiß, wie meine berufliche Laufbahn und mein Leben sich dann gestaltet hätten. Also, danke Andersen Consulting für die nicht erfolgte Beförderung!

Heute beziehen sich Pläne und Ziele bei mir vorwiegend auf den privaten Bereich. Selten sind sie so präsent, dass ich sie konsequent verfolge. Im Gegenteil, ich werfe private Pläne gerne über den Haufen und habe schon das ein oder andere Ziel aus den Augen verloren. Manchmal kommt einfach das Leben dazwischen.

Anfang 30 hatte ich den Plan, anlässlich meines 40. Geburtstags mit meiner südafrikanischen Freundin, Hayley, auf dem Jakobsweg zu pilgern. Das ist nie passiert. Stattdessen beging ich diesen Tag mitsamt Familie auf einer kinderfreundlichen Ferienanlange in der Toskana. Anfang 40 entdeckte ich für mich Achtsamkeit und Meditation und war mir sicher, ich würde zum 50. Geburtstag ein 30-tägiges Schweigeretreat im Himalaya machen. Wenige Monate vor meinem 50. Geburtstag dachte ich noch, ich würde an diesem Tag perfekte, tropische Wellen in Costa Rica surfen. Das Leben hält interessante Wendungen bereit. Realität ist: ich sitze an meinem 50. Geburtstag in einem Surfcamp in Galizien und möchte eigentlich an einem Cutback arbeiten, einem für mich sehr erstrebenswerten Surfmanöver. Der Atlantik hat sich aber entschieden, dem Geburtstagskind von Frankreich bis Portugal keine einzige surfbare Welle zu bescheren. Wie also den Tag nutzen? Ich fahre nach Santiago de Compostela. 10 Jahre später als geplant. Das fühlt sich gut an und nicht wie Versagen. Die vielen Pilger hier mit ihren Wanderstöcken und ihren „ich habe es geschafft-T-Shirts“ sind auf der Suche nach etwas. Nach Gott? Nach sich selbst? Nach einem Sinn im Leben? Nach Erleuchtung? Nach Glück?

Laut David Michie ist „Glück ein tieferes Gefühl von Erfüllung, das sich ungeachtet der Umstände einstellt und in der Regel mit Empfindungen wie Frieden, Sinnhaftigkeit und Wohlwollen einhergeht.“ Ein Weg dorthin ist es, dem eigenen Ego etwas weniger Raum zu geben und stattdessen das Augenmerk zum Nächsten zu verschieben.

Ich habe dieses Glücksgefühl sehr oft, wenn ich mit meinen beiden Söhnen frühstücke. Beide bekommen dann vor Müdigkeit kaum ihre Augen auf. Der eine streicht sich Nutella und Erdnussbutter auf den Toast und der andere schaufelt Cornflakes in rauhen Mengen in sich hinein. Ich kann dann nicht anders als liebevoll auf die beiden schauen und denken: Alles gut, Alles richtig gemacht im Leben.

Danach radle ich in mein Büro und habe einen Coachingtermin mit einem Kunden. Auch hier stellt sich oft dieses tiefe Gefühl der Erfüllung ein. Nämlich immer dann, wenn ich sehe, dass sich bei meinem Gesprächspartner etwas tut. Wenn es ihm gelingt, etwas Distanz zu seinem Ego zu schaffen und sei es auch nur für einen Moment. Der Druck, unter dem viele meiner Kunden stehen, ohne sich dessen bewusst zu sein, lässt dann deutlich nach. Dies führt zu einem intensiven Gefühl der Erleichterung und ermöglicht es dem Coachee, eine neue Perspektive einzunehmen. Es stellt sich Klarheit ein. Basierend auf dieser Klarheit Entscheidungen zu treffen, Pläne und Strategien zu entwickeln sollte aus meiner Sicht bei jedem, der eine verantwortungsvolle Position innehat, die Regel sein. Es scheint mir, als sei es eher die Ausnahme. Wir lassen uns alle viel zu leicht von unseren Egos in unsere gewohnten mentalen Hamsterräder hineinziehen. Was für ein Glück, jemanden dabei zu begleiten, aus diesem auszusteigen.

Manchmal jedoch dauern Coachingprozesse etwas länger oder es ist von außen gar nicht erkennbar, ob sich bei dem Coachee etwas bewegt. Dann schimpft mein Ego mit mir und will mir weismachen, ich mache meinen Job immer noch nicht gut genug. Das reicht nicht mal für Kategorie 2! Dann ist es wieder da, das Gefühl von damals: Wut, Frust, Selbstzweifel und Enttäuschung. Wenn mich mal wieder so eine Welle erwischt, ziehe ich mich in der Regel durch eine Meditation aus meinem Egosumpf. Manchmal helfen mir auch die tröstenden Worte eines guten Freundes, dem ich mein Herz ausschütte. Er erinnert mich dann daran, dass ich gut genug bin, auch wenn eine Coachingsession nicht zur Spontan-Erleuchtung des Coachees führt. Die Momente des Frusts sind aber sehr, sehr selten. Oft kann ich mein Glück nicht fassen, mit diesen wundervollen Menschen zu arbeiten, sich auszutauschen und das, was ich gelernt habe, weiter zu geben.

Manchmal kommt es aber noch besser. In den letzten Wochen habe ich viele liebevolle E-Mails von (ehemaligen) Coachees und Trainingsteilnehmern erhalten. Manche haben meinen 50. Geburtstag zum Anlass genommen, mir für die Strecke, die wir gemeinsam gegangen sind, zu danken. Manche schrieben einfach so. Das ist wie die Kirsche auf der Sahne auf dem Kuchen.

SO GUT!

Ich bin geflasht.

Danke von ganzem Herzen!

Ich meine jeden Einzelnen!

Wenn ich heute gefragt würde: „Wo sehen Sie sich in 10 Jahren?“, würde ich spontan antworten: „Einen sauberen Cutback zu surfen, wäre cool. Oder ein Barrel. Mit 60, warum nicht? Und ich bin auch glücklich, wenn ich es nicht schaffe. Meistens, nicht immer. Ich werde mich weiter darin üben, mein Ego nicht ganz so wichtig zu nehmen. Das ist nicht einfach. Aber ein bisschen Zeit bis zur Erleuchtung habe ich ja noch.“

Wenn ich aber tief in mich gehe, lautet die ehrliche Antwort „Ich habe keine Ahnung! Und das ist auch gut so!