„Können Sie bitte auch das Thema Resilienz ansprechen?“, wurde ich letzthin von einem Auftraggeber aufgefordert. Mein Auftrag lautete, mit Führungskräften eines Großkonzerns deren Ergebnisse aus 360°-Feedbacks zu reflektieren. Dabei war dem Vorstand das Thema Resilienz besonders wichtig. Eines dieser Themen, das kurz nach Work-Life-Balance und Achtsamkeit über uns hereinbrach und von dem ich dachte, es sei von Purpose abgelöst worden. Aber gut, es dauert ja immer etwas länger bis Großkonzerne sich eines Modethemas annehmen.

Also Resilienz, warum nicht? Im Studium hatte ich gelernt, dass Menschen eine hohe Resilienz aufweisen, wenn sie, trotz des Aufwachsens unter widrigen Umständen (z.B. drogenabhängige oder gewalttätige Eltern) wertvolle Mitglieder der Gesellschaft werden. „A Guader hoits aus, um an Schlechtn is ned schod“, heißt das in meiner bayrischen Heimat, übersetzt auf Instagram: „Es ist nicht wichtig, wie oft Du fällst, sondern wie häufig Du aufstehst“. Ein Boxer in Siegerpose wäre dabei wohl das passende Bild für ein Meme.

„Lassen Sie uns über das Thema Resilienz sprechen“, ließ ich also pflichtbewusst in alle Gespräche einfließen, nachdem die Führungskraft und ich die Ergebnisse des Feedbacks gemeinsam reflektiert hatten. Viele der Führungskräfte hatten über Monate an einem sehr arbeitsintensiven strategischen Projekt mitgearbeitet. Ich wollte etwas zu ihrer Arbeitsweise und -belastung wissen:

  • „Wieviel arbeiten Sie?“ – „50-60 Stunden die Woche sind normal. “
  • „Wann machen Sie Pause?“ – „Oft geht es nicht anders als die Mittagspause zu opfern.“
  • „Wie häufig machen Sie Sport?“ „Zweimal die Woche! Dafür stelle ich mir dann den Wecker auf halb sechs.“ (und ziehe die Zeit vom Schlaf ab, Anmerkung der Redaktion)
  • „Wie häufig beantworten Sie im Urlaub berufliche Mails?“ „Ca. zweimal je Woche.“
  • „Wann wird es Ihnen zu viel?“ – „Ich hatte schon mal einen Zusammenbruch, aber das ist ja schon ein paar Jahre her.“

Lange Bürotage gelten in der Generation X, der die Führungskräfte dieses Unternehmens angehören, wohl immer noch als gesetzt. Meine Gesprächspartner schienen dabei eher stolz auf ihr Durchhaltevermögen als dass sie dieses als Problem erlebten.

Mein Mentor Matt Griggs, der den Surfer Mick Fanning zu seinen drei Weltmeistertiteln gecoacht hat, sagt zum Thema Resilienz folgendes. „Resilienz ist das Eingeständnis, dass du leidest. Wenn Unternehmen sich für Resilienz interessieren, wollen sie im Prinzip wissen, wie man einem Boxer beibringt, Schläge besser wegzustecken. Am besten wäre hierfür, ihm einen Kiefer aus Stahl zu verpassen“.

Ich wollte wissen, wie es um den Stahlkiefer meiner Gesprächspartner stand. Resilient genug?
Also fragte ich: „Wie geht es Ihnen?“ – „Gut.“

Als mein jüngerer Sohn, Leander, die Grundschule besuchte, stellte ich wie wohl jede Mutter täglich die Frage: „Wie war es in der Schule?“
Er antwortete immer “Gut.“ Irgendwann machte mich das stutzig.
Ich fragte ihn daher: „Warum sagst Du immer gut?“
Leander meinte: „Wenn ich nicht „gut“ sage, stellst Du Fragen!“

Ich frage nun nicht mehr täglich. Wenn ich allerdings beruflich unterwegs bin, erkundige ich mich per WhatsApp, ob alles in Ordnung ist. Inzwischen ernte ich als Antwort: „Ging mir noch nie besser!“ „Alles bestens!“ Ich habe Verständnis dafür, dass ein Sechzehnjähriger keine Lust hat, mit seiner Mutter zu kommunizieren. Alles gut!

Bei dem Projekt ging es jedoch um Selbstreflexion. Also bohrte ich hier nach:
„Wie geht es Ihnen wirklich? Nehmen Sie sich ein paar Augenblicke Zeit. Spüren Sie nach Innen. Erlauben Sie sich zwei, drei tiefe Atemzüge. Vielleicht mit einem Gefühl von „geschafft“. Und dann fragen Sie sich, so als würde es Sie WIRKLICH interessieren: „Wie geht es Ihnen? Wie geht es dem wichtigsten Menschen in Ihrem Leben?““

Nun kamen spannendere Antworten zu Tage:

  • „Aufgeregt. Die ganzen Veränderungen in diesem Unternehmen haben dazu geführt, dass ich mich nach all den Jahren wieder in meinen Arbeitgeber verliebt habe!“
  • „Erschöpft. Es war heftig die letzten Monate.“
  • „Ich fühle nichts. Irgendwie leer“
  • „Ganz zufrieden.“ Ein Lächeln zeigt sich auf dem Gesicht meines Gesprächspartners.
  • „Stolz.“
  • „Unruhig und gehetzt.“
  • „Müde. Sehr, sehr müde. “

Ich liebe meinen Job, alleine für diese Antworten. Jede Woche sitzen Menschen vor mir und ich habe zunächst keine Ahnung, was in Ihnen vorgeht. Früher dachte ich immer, es läge an mir, wenn mein Gegenüber sehr ruhig war. Gerade in Seminaren bemühte mich dann darum, ihn zu aktivieren. Auf die Idee, er sei einfach müde, kam ich nicht.

Der Leistungssport hat lange begriffen, dass für das Abrufen von Leistung die Regenerationsphasen von besonderer Bedeutung sind. Sie sind daher fester Bestandteil des Trainingsplans bei Athleten. Theoretisch ist dieses Wissen auch seit einiger Zeit in der Wirtschaft angekommen. Mit der praktischen Umsetzung tun wir uns nur sehr schwer. Vermutlich liegt dies daran, dass wir seit der industriellen Revolution Menschen als Add-Ons zu Maschinen behandeln. Ein Mitarbeiter ist dann besonders gut, wenn er funktioniert und sich reibungslos in den Prozess einfügt. Blöd nur, dass wir diese lästigen Körper haben, die da nicht beliebig mitspielen.

Auch ich bin häufig müder als ich mir das eingestehen möchte. Das sieht man mir von außen selten an. Meine bewährte Strategie zum Umgang mit Müdigkeit ist Kaffee. Ohne einen triple Espresso am frühen Morgen geht bei mir gar nichts. Ein Workshopteilnehmer meinte letzthin, er komme sich oft wie ein Roboter vor, der mit Kaffee betankt wird. Wer kennt das nicht: Weitermachen und nicht auf den Körper hören? Und sind wir nicht so ein bisschen stolz auf unsere Nehmerqualitäten?

Da ich vom Boxen keine Ahnung habe, fragte ich einen Bekannten, den ehemaligen Deutschen Meister im Cruisergewicht, Rüdiger May. Er betreut, managed und trainiert seit vielen Jahren erfolgreich Boxtalente. Rüdiger erklärte: „Wenn Du in den Boxring gehst, weißt Du, dass es weh tun wird. Einen guten Boxer zeichnet aber aus, dass er selbst wenig getroffen wird und zugleich viele Treffer landet. Dafür musst Du den nächsten Schritt vorwegnehmen. Du bist Dir über die gegenwärtige Situation klar und leitest zugleich durch dein Handeln bereits die nächste Aktion ein.“

Nun geht es mir vor allem um ein konstruktives Miteinander. Ein gegenseitiges sich auf die Nase geben befürworte ich nicht. Für den Unternehmensalltag kann man dennoch einiges von Profiboxern lernen:

  1. Sei Dir Deiner gegenwärtigen Situation bewusst.
  2. Lerne Schlägen auszuweichen.

Rüdiger meinte, für einen Boxer sei es sehr relevant, eine Strategie oder Taktik zu haben. Man bereitet sich auf jeden Gegner vor. Was sind seine Stärken, was seine Schwachpunkte? Aber wie Mike Tyson so schön sagte: „Deine Taktik funktioniert so lange, bis Du das erste Ding in die Fresse kriegst“. Dann gilt es, das Handeln des Gegners in den eigenen Plan einzubauen.

Dein Chef war ungehalten, weil Du zu einem Thema in Deinem Bereich nicht auskunftsfähig warst? Kommt vor im Konzern. Da arbeiten einfach viele Menschen gleichzeitig an vielen komplexen Dingen. Das tat weh? Ich weiß. Dieser Schmerz ist quasi vorprogrammiert. Es ist nicht möglich, zu 100% zu wissen, was der andere morgen von Dir wissen möchten. Da hilft es auch nichts, wenn Du in Deinem Urlaub jeden zweiten Tag in Dein Postfach schaust. Mag sein, dass der Kontrollfreak in Dir was anderes glaubt. Er irrt sich aber. Weißt Du, warum es nicht möglich ist? Der andere weiß es manchmal heute selbst noch nicht. Überraschendes passiert. Menschen sind keine Maschinen. Sie haben neue Ideen und ändern ihre Meinung. Ständig. Immer. Man nennt das auch Leben. Könnte sinnvoll sein, die Taktik zu adaptieren und die Realität zu akzeptieren. Dann fühlt sie sich auch weniger wie in Schlag ins Gesicht an.

Um die Kommunikation zu verbessern, habt Ihr weitere Meetings in Eurem Unternehmen implementiert, aber DU weißt nicht, was Du in DIESEM Meeting sollst. Zudem bist Du – aus welchen Gründen auch immer – zu müde, um wirklich zuzuhören? Dann mach ’ne Pause. Warum? Weil du nicht aus Kryptonit bist.

Mein Ego flüstert mir manchmal ein, ich sei Super-Lara. Sieht gut aus! Kann alles! Hammer Beraterin! Mega Coach! Das Problem ist nur: Super-Lara gibt es nicht. Die reelle Lara ist eher so normal und manchmal müder als sie sich das eingesteht. Ich übe mich darin, sie so zu akzeptieren wie sie ist. Es ist nämlich die einzige, die es gibt. Und sie liebt ihren triple Espresso.

Einstein soll mal gesagt haben: Es ist die Definition von Wahnsinn, immer wieder dasselbe zu machen und zu hoffen, dass am Ende was anderes rauskommt. Fast scheint es mir, viele Führungskräfte schlagen sich selbst fast k.o. und kriegen es gar nicht mit.

Hart gegen sich selbst zu sein, ist weder besonders heldenhaft oder intelligent noch zeugt es von Führungsqualität. Kein Boxchampion hatte je einen Kiefer aus Stahl. Wäre es nicht weiser, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren? Das erfordert Mut und ein ehrliches Hinschauen, was bei mir gerade WIRKLICH los ist.

Als Coach fordere ich daher zu Beginn jedes Termins mein Gegenüber auf: „Nimm Dir Zeit durchzuatmen. Wie fühlst Du Dich? Wie geht es dem wichtigsten Menschen in Deinem Leben? Schau hin, als würde es Dich WIRKLICH interessieren. Wie geht‘s Dir gerade?“ Ich bin immer gespannt, was dann kommt. Dabei lasse ich jede Antwort gelten, außer gut. Und dann können wir arbeiten.