Meinen Sie, ich sollte Coach werden?“ werde ich in schöner Regelmäßigkeit gefragt. Coach werden oder zumindest eine Coachingausbildung machen, ist ein unaufhaltsamer Trend. Früher hat man sich in einer Lebenskrise eine neue Frisur, eine Harley oder eine Affäre zugelegt. Heute macht man eine Coachingausbildung. Kann ich eine empfehlen? Leider nicht. Meine eigene Ausbildung ist fast 25 Jahre her und ich habe keine Ahnung, was heute auf dem deutschen Coaching-Ausbildungsmarkt los ist. 

Ich selbst habe seit 2019 viel von meinem Coach Matt Griggs gelernt. Er lehrt Kelee Meditation, was ich seitdem täglich praktiziere. Das hilft mir persönlich ungemein, Antworten auf Fragen zu finden, die mich bewegen. Ein Großteil dessen, was ich heute in meinen Coachings mache, baut auf dieser Praxis auf.

Doppelpack auf dem Weg zur Erleuchtung

Da kam es mir gelegen, dass Matt diesen Sommer zwei seiner Retreats gemeinsam mit dem Profi-Surfer Taylor Knox anbot. Da meine eigene Weiterentwicklung in den letzten Jahren etwas zu kurz gekommen war, buchte ich das Doppelpack: 18 Tage lernen, meditieren und surfen gemeinsam mit einer illustren Gruppe Gleichgesonnener auf einem sehr komfortablen Schiff in den Malediven.

Es regnet viel in den Malediven

Zudem erlaubte ich mir, für den gesamten Zeitraum, mich aus der online-Welt abzumelden. Touch your mind, don’t touch your e-mails. Mehr als zwei Wochen ohne soziale Netzwerke und Nachrichten aus aller Welt. Stillness is healing for the mind. Hört sich paradiesisch an, oder? Um den Neidfaktor zu reduzieren: es regnet viel im Sommer in den Malediven. Zudem zerblies ein starker Wind häufig die vermeintlich perfekten Wellen. Dennoch war die Stimmung an Board gut. Viel Zeit für Tiefgang und Reflektion.

Loslassen selbstkreierter Probleme

Matt coacht nach dem Prinzip des Nicht-Einmischens. Er gibt keinen Rat, stellt aber aufrichtig Fragen, zu denen man selbst die Antworten finden muss. Schließlich geht es um die persönliche Weiterentwicklung. Wer als man selbst könnte die Antwort darauf geben? Unter Matts und Taylors Anleitung lernten wir, wie man mit Hilfe der Kelee-Praxis

  • bewusste Aufmerksamkeit (conscious awareness) übt, d.h. mitzubekommen, was man tut, während man es tut
  • das Geplapper im Gehirn abschaltet, um effizient handeln zu können
  • mit der eigenen Energie vernünftig haushaltet
  • das, was man nicht braucht, loslässt = detachment.

Und was brauchen wir schon? Nicht viel. Vor allem keinen Ärger, Sorgen oder selbstkreierte Probleme. David, ein Filmproduzent aus L.A., meinte, wie angenehm es sei, für einen Moment nichts zu denken. Man konnte sehen wie viel ruhiger, umgänglicher und präsenter er wurde. Er kam im Hier und Jetzt an.

Was wollen wir? – NICHTS!

Adam, ein Anwalt aus einer Top-Kanzlei in San Franciso, meinte daraufhin: stellt Euch vor, eine Gruppe Erleuchteter demonstriert mit Spruchbändern vor dem Weißen Haus:

„Was wollt Ihr?“

„NICHTS!“

„Wann wollt ihr es?“

„JETZT“

Wir  schüttelten uns vor Lachen und es fühlte sich für einen Moment so an, als hätten wir die Formel für den Weltfrieden gefunden Es entwickelte sich ein sehr harmonisches und herzliches Miteinander, bei dem es immer wieder zu kleinen Erleuchtungsmomenten kam.

Stillstand in der eigenen Entwicklung

Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, ich würde mich persönlich weiterentwickelte. Warum auch? Ich bin gesund, die Kinder sind so gut wie aus dem Haus, ich habe einen wundervollen Mann in meinem Leben, das Geschäft läuft und ich liebe meine Arbeit. Ich kann mir keinen besseren Beruf als den des Coaches vorstellen. Da darf doch die eigene Entwicklung pausieren, oder?

Sich selbst nicht so ernst nehmen

Auch im Surf kam ich nicht voran. Zwar hatte ich mich seit dem ersten Retreat verbessert, dennoch war ich nach wie vor der schlechteste Surfer der Gruppe. Statt dem von mir angestrebten Cutback produzierte ich einen kuriosen Wipe-out nach dem anderen, nur dass es mich inzwischen nicht mehr juckte. Ich nahm mich nicht mehr so ernst. Läuft mit dem Detachement.

„Lara would go!“

Die Stimmung war leicht und heiter. Meine Reisekollegen schauten beeindruckt und amüsiert zu, mit welcher Konsequenz ich in Wellen paddelte, selbst wenn sie eine Nummer zu groß für mich waren. Auch wenn ich heftig durchgespült wurde, tauchte ich mit einem Lachen auf. Das mit dem Loslassen ist echt ’ne gute Sache und „Lara would go“, wurde zum geflügelten Wort, wenn eine große Welle heranrollte. Vielleicht war ich einfach schon nah dran an dieser Erleuchtung?

15 ungesurfte Wellen

Denkste! Die Wellen wurden besser und Stimmung änderten sich im zweiten Retreat. In der Gruppe befanden sich ein paar Männer mit unerschöpflicher Energie. Sie verbrachten jede freie Minute im Wasser und surften konzentriert und mit viel Ehrgeiz jede Welle ab, die sie bekommen konnten. Auch ich bekam gute Wellen, aber viele, viele Male, befand sich, wenn ich in einer guten Position war, um die nächste Welle zu erwischen, bereits einer der Ironmen drauf. Ich wurde zunehmend frustriert und sprach mit Taylor darüber. Er meinte: „Wir Menschen folgen oft dem Herdentrieb. Alle wollen auf die großen Wellen. Was ist mit den mittleren? Von denen blieben mindestens 15 in der letzten Session ungesurft und sie waren meiner Meinung nach viel besser. Gute Surfer bleiben ruhig und finden das Loch im Line-up!“ (=den Ort, wo sie ihre Wellen bekommen)“

Altbekannte Reflexe – im Surfen und beim Arbeiten

Ich versuchte das umzusetzen. Es lief ein bisschen besser und surfte meinen ersten Cutback – das Lebensziel, das ich mir gesetzt hatte. Versetzte mich das in Feierlaune? Nein! Meine Frustration überschattete alles. Meine Mitstreiter schienen mir egoistisch, wenig rücksichtsvoll und aggressiv. Ich hakte innerlich eine Liste von Eigenschaften ab, was mir ein Gefühl von Überlegenheit bescherte. Moment, das kenne ich doch. Dieses Einordnen in Kategorien, das sich nicht harmonisch anfühlt. Stop! Nicht harmonisch? Zeit an mir zu arbeiten. Ich fragte Matt nach Rat.

Der Intellekt bewertet, der Mind versteht

Matts Frage: Was ist es, was Dich an Stärke so fasziniert? Ich setzte mich an Deck meditierte und kontemplierte, indem ich das, was mir durch den Kopf ging, aufschrieb. Die vielen Male, die ich als Beraterin in Audits oder Assessement-Centern Zettel ausgefüllt habe. Hunderte von Berichten, die ich verfasst habe, die darüber entschieden, ob jemand Karriere machte oder nicht. Dass mir das lange Zeit ein Gefühl von Stärke und Überlegenheit gab. Dass mir aber eines Tages übel wurde bei dem Gedanken, ich müsse noch mal mit einer schwarzen Mappe vor einem Menschen sitzen und Kreuze auf gelben Zettel machen. Und hier saß ich in den Malediven und machte genau das: bewerten, analysieren, kategorisieren und mich dabei überlegen fühlen. Der Intellekt bewertet. Das Ego sorgt dafür, dass ich auf der Seite der Gewinner bin. Der Mind bewertet nicht, er versteht. Wenn ich etwas verstehe, muss ich nicht mehr drüber nachdenken, es ist eine Erkenntnis.

Lara did go

Ich habe mich vor vielen Jahren bewusst aus der Diagnostik verabschiedet und meinen Fokus aufs Coaching gelegt. Das bedeutete „Nein“ zu zeitraubenden Businesstrips und Beobachterkonferenzen und zunächst zu 50% meines Umsatzes. Zugleich war es ein „Ja“ zu einer Tätigkeit, die ich mich erfüllt, weil ich Menschen nun auf Augenhöhe und mit Verständnis begegnen und in ihrer Entwicklung unterstützen kann. Mein Fokus ist dabei Umgang mit Emotionen. Ganz ist das Diagnostik-Kapitel in meinem Leben wohl noch nicht geschlossen, wenn ich unbewusst die schwarze Mappe aufschlage und mein Ego mir einredet, dass ich klüger bin als mein Gegenüber. Es ist ein Unterschied zwischen separation und detachement. Wenn ich aber präsent bin, weiß ich, was ich zu tun habe. Ich habe beruflich mein Loch im Line-up gefunden. Ich surfe Wellen, die gut für mich sind. Und ich habe einen Cutback gesurft. Erinnerungen verblassen. Erkenntnisse bleiben. Lara would go and Lara did go.

IKIGAI

Kann ich den Beruf des Coaches empfehlen? Für mich ist es das richtige. Für andere auch? Keine Ahnung. Wenn mich Menschen nach beruflicher Orientierung fragen, biete ich gerne zur Kontemplation die vier Fragen aus dem Ikigai an:

  • Was liebst du (zu tun)?
  • Was kannst Du gut?
  • Was braucht die Welt?
  • Wofür kannst Du Geld bekommen?

Kommt bei der Kontemplation über diese Fragen der Beruf des Coaches heraus?
Was wäre, wenn Du an Deiner inneren Haltung arbeiten, statt den Beruf wechseln würdest?
Welche Wirkung hätten Veränderungen im Kleinen?
Kann es sein, dass du da, wo du bist, genau richtig bist?

Sollte sich aus welchen Gründen auch immer ein Kampf- oder Fluchtreflex einstellen, dann schließe ich mich Taylors Rat an: Bleibe ruhig und finde Dein Loch im Line-up.

Photos by Andy Potts