Was haben Sie durch Corona gelernt?“ wird momentan von vielen HR-Experten auf LinkedIn & Co gefragt. Immer etwas Positives mitnehmen, scheint die Parole im Homeoffice zu sein. Da kann ich leicht mithalten, wenngleich das Ganze bei mir nichts mit digital, remote leadership oder Hybrid-Veranstaltungen zu tun hat wie bei vielen Coaches.

Wegen Corona hatte ich – wie viele Trainer – unzählige Veranstaltungsstornos. Die Aufträge, die ich online erledigen konnte, habe ich in einer insgesamt 7-wöchige Surfauszeit in der von mir geliebten Algarve bearbeitet. Weite, Ruhe und Raum an spektakulären, menschenleeren Stränden und das in der Hauptsaison, eine unbezahlbare Erfahrung. Morgens surfen, nachmittags arbeiten! Perfekt! Vom Cutback bin ich immer noch meilenweit entfernt, aber mich im Line-up gut zu positionieren, das habe ich gelernt. DANKE CORONA!

Und dann hat mir Corona einen epischen Austausch mit Jonathan beschert, einem ehemaligen Kollegen, den ich die letzten 19 Jahre nicht gesehen und fast aus den Augen verloren hatte. Unsere beiden Kalender erlaubten uns Corona sei Dank, einen fast spontanen gemeinsamen Kaffee an einem Montagnachmittag. So einfach. Magic. Schnell wurde klar, dass wir uns viel zu erzählen hatten. Er berichtete von seinem Spezialgebiet Lean Management und ich hörte ihm mit großer Neugierde zu. Als Gegenleistung lud ich ihn in mein Büro ein, um ihm eine Coaching-Kostprobe zu geben. Mit einer inhaltlichen Wucht, die nur bei begabten Menschen sinnvoll ist, erklärte ich ihm einige Basics, die ich mir in den letzten 20 Jahren erarbeitet hatte:

Mindfulness und Kelee Meditation und dass….

  • …man gar nicht so viel Wissen muss, sondern nur, was gerade los ist
  • …man sich mit conscious awareness bewegen und den Autopiloten ausschalten sollte, um das Leiden zu reduzieren
  • …wir nichts kontrollieren können, nur uns selbst
  • …wir uns zu viel mit den Angelegenheiten der Anderen beschäftigen und darüber den Fokus verlieren
  • …wir Dinge oft aus Angst tun und nicht aus Liebe
  • und dass uns deswegen so schwerfällt, trotz unseres materiellen Wohlstands, das Leben zu genießen und glücklich zu sein.

Jonathan hörte aufmerksam zu und machte sich konzentriert Notizen. Er ist ein äußerst umsetzungsstarker Mensch. Zusätzlich konnte er in den Übungen, die ich mit ihm machte, sofort vom Denken ins Fühlen wechseln und zurück, wirklich beachtlich! Von außen betrachtet machte er eine gute und tiefe Erfahrung. Wie ich das liebe, wenn das, was ich zu geben habe, auf fruchtbaren Boden fällt. Einfach nur wow!

Wir setzten das Gespräch bei einem gemeinsamen Abendessen fort. Neben dem Beruflichen gab es bei uns auch private Parallelen. Unsere beiden Ehen haben dem Rhythmus zweier Workaholics nicht Stand gehalten. Bei mir stand am nächsten Tag der Notartermin zur Regelung des Versorgungsausgleichs an. Mir war eigentlich nach etwas Ablenkung und Leichtigkeit, aber eine systematische Analyse des menschlichen Miteinanders scheint unabdingbar, wenn ein Ingenieur und eine Psychologin zu Abend essen.

„Lara, was hast Du getan, um Deine permanente Abwesenheit wett zu machen?“
„Wasserkästen geschleppt. Ich war jeden Samstag im Getränkemarkt, und habe Mineralwasser gekauft.“
„Schon mal was von Sodastream gehört?“

Immer diese Ingenieure mit ihren technischen Lösungen…Puuh..

„Ja schon Jonathan, aber irgendwie dachte ich, wenn ich besonders viele Kästen schleppe, dann macht es das wieder gut, dass ich die ganze Woche unterwegs bin. Eine Art Leistungsprinzip: wenn ich mich nur tierisch anstrenge, dann wird alles gut. So wie früher in der Schule. Für eine besonders gute Leistung verteilte die Lehrerin Sterne. Und wenn man zehn Sterne hatte, dann gab es einen Ponyaufkleber. Ich war eine echt gute Schülerin und habe viele Ponyaufkleber bekommen. Schon irre, wie man so ein Konzept dann in die Ehe reinbringt.“

Jonathan grinste. „Ich bin immer am Samstag um 8:00 Uhr in den REWE, um den Einkauf für die ganze Woche machen.“

„Das ist ja auch nur fair. Schließlich war Deine Frau die ganze Woche mit den Kindern alleine zu Hause, während du in 5-Sterne Hotels abhingst und so beratermäßig ein bisschen schlaues Zeug gelabert hast,“ spottetet ich und zitierte dabei eher meinen Ex-Mann als Jonathans Ex-Frau, die ich gar nicht kenne.
„Genau. Wocheneinkauf bedeutet bei drei Kindern zwei Einkaufswagen. Ich habe immer zu viel gekauft und vorher den Kühlschrank geputzt und danach Frühstück gemacht.“
„Aber warum um 8:00 Uhr? Konntet Ihr nicht ausschlafen? Ich meine, nach so einer 70 Stunden-Woche? Bei meinen Wasserkästen war die Uhrzeit wurscht. Sie mussten nur schwer sein. Deswegen auch immer die Glasflaschen.“
„Ausschlafen, wo denkst Du hin? Nach dem Frühstück mussten die Kinder doch zum Fußball. Ich habe immer alle Kinder mitgenommen, damit meine Frau eine Pause hatte. Insgeheim habe ich immer gehofft, da käme mal ein Danke zurück, so ein bisschen Anerkennung. Aber irgendwie war alles, was ich gemacht habe, eher selbstverständlich.“
„Jonathan…“
„Was Lara?“
„Du hast auch Sterne gesammelt aber nie einen Ponyaufkleber erhalten. Dieser Wunsch nach Anerkennung. Genau wie im Job. Ein Projekt nach dem nächsten abreißen in der Hoffnung, dass es irgendwann gut ist, dass Du die Anerkennung von oben bekommst. Krass oder? Ich habe alles versucht, um meinen Mann zu überzeugen, dass ich die beste Ehefrau von allen bin. Hat nicht funktioniert. Und weißt Du was, Jonathan?“
„Was Lara?“
„Eigentlich habe ich versucht, seinen Job gleich mitzumachen. Was denkst du, wieviele Frauen stehen Samstag in der Schlange im Getränkemarkt?“
„Gegenfrage: wieviele Männer findest Du am Samstag um 8:00 Uhr in der Gemüseabteilung?“

Was war da eigentlich los? Wir haben es nicht mitgekriegt. 20 Jahre lang.
Von wegen move with conscious awareness und Autopiloten ausschalten.
Von wegen Selbstkontrolle.
Puuh! Weisheit ist, wenn man auf seinen eigenen Rat hört.

Wir fühlten uns dennoch wie die Crème der deutschen Beratungsbranche und setzten unsere „Studie“ fort. Hier das Management Summary:

Männer bekommen Sterne für typische „Frauenarbeiten“ wie z.B.

  • Kochen, Bügeln
  • und Kühlschränke putzen
  • Es zählt aber auch harte körperliche Arbeit oder der mehrfache Kauf bzw. die Reparatur von Kaffeevollautomaten.

Frauen sammeln Sterne vor allem durch ihre Leidensfähigkeit: wie z.B.

  • gemeinsam auf eine Kreuzfahrt zu gehen, obwohl man immer seekrank wird oder
  • dem Gatten ein sky-abo spendieren und dann 6 Tage die Woche Fußball gucken
  • Möglich ist aber auch, Mütter-Competitions zu gewinnen. z.B. wenn der selbst gebackene Kuchen am Kuchenbuffet der Grundschule als allererstes verkauft ist. Einen Zusatzstern erhält Frau, wenn sie morgens erst von einer Geschäftsreise aus Sao Paolo zurückkommt, dann den besagten Kuchen backt und danach trotz Jetlag eine Schicht am Kuchenbuffet übernimmt. Dies ermöglicht es Frau übrigens, den eigenen Kuchen so zu platzieren, dass er unter Garantie schnell Abnehmer findet. Wir sind ja nicht zum Spaß hier!

Und das alles dafür, dass der andere einen liebt und anerkennt, als ob das irgendwie aufzurechnen wäre.
Sieben Wasserkästen für 100 Gramm Liebe. Darf’s ein bisschen mehr sein? Was für ein Wahnsinn! Je später der Abend wurde, desto alberner wurden wir.

„Jonathan, kann man die Ponyaufkleber eigentlich auch tauschen, so wie die Panini-Bilder?“
„Bestimmt, Lara.“
Ich hätte 20 mal Wasserkästenschleppen im Angebot. Mir fehlt aber was aus der Kaffeevollautomaten-Serie!“

Pruuust. Lachen ist die beste Medizin.

„Lara, woher wissen wir, wofür wir Sterne bekommen?“
„Da gibt es eine DIN-Norm von der Sternenbehörde!“
„Die STERNENBEHÖRDE????“ Jonathan lachte laut.

Das war sehr ansteckend und ich bekam einen Lachflash, der mir die Tränen übers Gesicht laufen ließ.

„O.K. Lara und was ist, wenn man genügend Sterne gesammelt hat?“
„Das geschieht nie, Jonathan.“
„Warum nicht, Lara?“
„Sie machen den Eimer größer,“ antwortete ich und hielt das für einen Geistesblitz.
„Den Eimer? Den, in den die Sterne kommen?“
„Klar! Es ist nie genug. Nach dem Projekt ist vor dem Projekt. Und das nächste ist immer etwas größer. Und wir denken, am Ende gibt es dafür Anerkennung. Aber selbst, wenn man sie uns geben möchte, wir können das gar nicht annehmen, weil ja das nächste Projekt ansteht.“
„Lara?“
„Jonathan?“
„Ich hatte vier Eimer. Einen für meine Frau und einen für jedes Kind.“
„Jonathan, du bist verrückt!“
„Du auch, Lara! Du auch!“

Es war eines dieser herrlich absurden Gespräche, wie es sich vor Corona auf einem Seminar beim gemeinsamen Abendessen ergeben hätte. Man verarbeitet die Eindrücke des Tages. Teilnehmer stellen ein paar Fragen. Die Gespräche plätschern leicht dahin und dann kommen spielerisch Diamanten in Form von tiefen Erkenntnissen hervor. Nicht selten ist das, was bei den Tischgesprächen geschieht, wertvoller, als das, was im Seminarraum erzählt wird, weil bei diesen Gesprächen Vertrauen und Gemeinschaft entsteht. Und das ist die Basis dafür, dass Organisationen funktionieren. Ohne das verkrüppeln sie irgendwann im Kern – das ist meine feste Überzeugung.

Jonathan mailte mir wenige Tage später eine Liste von Gedanken, die er aus der Session mit mir mitgenommen hatte. Er überlegt, wie er sie bei seiner nächsten Prozessoptimierung einbauen kann. Schließlich scheitern diese ja häufig nicht am mangelhaftem Prozessdesign sondern am Menschen mit seinen Emotionen und seinem Mensch-Sein. Mir bleibt das Bild des Sternensammlers und der Sternenbehörde. Auch das wird seinen Weg finden in ein Coaching oder in ein Training.

Letzte Woche hatte ich meinen ersten Workshop seit März 2020. Nach fast sechs Monaten Pause endlich wieder Arbeiten mit einer Gruppe von Menschen: live und in Farbe. Es war nicht die überzeugendste Veranstaltung, die ich in meinem Berufsleben moderiert habe. Viel Maske – wenig Nähe. Nach wie vor Verunsicherung im Miteinander. Und dennoch, die persönliche Begegnung hat dem Team gut getan.  Alleine die Gespräche bei Tisch haben sich gelohnt.

„Was haben Sie durch Corona gelernt?“ „Die Coronazeit“ ist und war eine außergewöhnliche Erfahrung auch auf den deutschen Chefetagen. Man liest viel darüber, wie toll das Alle meistern. Es wird aber wenig offen kommuniziert, was  verloren gegangen oder zu kurz gekommen ist. Das hat viel mit den menschlichen Begegnungen in Unternehmen zu tun. Und auch da müssen wir ran!

Folgende Fragen finde ich aktuell für die Entwicklung von Menschen und Organisationen besonders relevant:

  • In welcher Form halten wir als verantwortungsvolles Führungsteam inne und schauen uns mit Tiefgang an, was WIRKLICH grade los ist?
  • Wie schaffen wir sichere Räume (sicher, nicht geschützt, Jonathan!), in denen das möglich ist?
  • Wie schaffen wir wieder in Unternehmen ein (spontanes) Miteinander, ohne dass die Uhr tickt?
  • Wie kreieren wir wieder sinnliche Erfahrungen für Teams wie Feiern oder ein gutes Essen in Gemeinschaft?
  • Wir gelingt es uns, die Emotion des anderen zu spüren und mitzufühlen ohne unbewusst (aus dem Autopiloten heraus) darauf zu reagieren?
  • Wie können wir Frustration, Ärger und Ängste auf den Tisch bringen und klären?
  • Wie können wir uns wieder gemeinsam freuen, lachen, albern sein, Schwachsinn reden und darauf aufbauend kreative Ideen entwickeln?

Wir Menschen brauchen das, um uns weiterzuentwickeln.
Organisationen brauchen das für ein gesundes Wachstum und um effizient und erfolgreich zu sein.
Darum geht es aus meiner Sicht: trotz, wegen, mit oder ohne Corona!

P.S.: In der Traumfabrik würde aus Jonathan und mir nun ein Paar. Beim Happy-End stünden einen Mann und eine Frau Hand in Hand im REWE an der Kasse. Er nimmt sie fest in den Arm und gibt ihr einen zärtlichen Kuss, den sie leidenschaftlich erwidert. Im Hintergrund spielt von Adam Levine „Lost stars“. Wir sind aber nicht in Hollywood sondern Köln. Und das mit dem Kuss geht ja gar nicht, wegen der Masken. Es wird diese Szene also nicht geben. Zumindest nicht mit Jonathan und mir. Tut mir sehr leid für den romantisch veranlagten Leser meines Blogs.

SCHEISS CORONA 🙂 !

Fotos von Niels Labruijère und Tristan Page