„Bieten Sie eigentlich auch Trainings speziell für Frauen an?“ werde ich in schöner Regelmäßigkeit gefragt. Ich verneine diese Frage immer. Es leuchtet mir nicht ein, dass Frauen anders führen (sollen) als Männer oder dass für ihre Karriere andere Spielregeln gelten als bei den Herren.

In letzter Zeit haben aber einige Frauen ihre Vorstandsposten in deutschen Konzernen verloren, bekanntestes Beispiel: Janina Kugel, Personalvorstand im Siemens-Konzern. Man spekuliert, das liege daran, dass Frauen sich in den Machtspielen auf den Vorstandsetagen weniger gut durchsetzen. Wiebke Köhler hat das Ende ihrer Karriere als Vorstand bei der Axa medienwirksam mit ihrem Buch „Schach der Dame“  verarbeitet. Verpasse ich hier mal wieder einen wichtigen Trend? Möglich. In meinen Trainings möchte ich aber Kernbotschaften vermitteln, die konkret und umsetzbar sind. Wie sollen diese speziell für Frauen in Führungspositionen lauten? Ich habe keine Ahnung!

Meine eigene Weiterbildung bestand 2019 in der Teilnahme an dem Executive Programm „The nature of success“. Dieses wird von dem australischen Performance Coach Matt Griggs und dem ehemaligen Profi-Surfer Taylor Knox, geleitet. In dem Programm geht es darum, zu erfahren, wie man ein gesundes High-Performance-Umfeld schaffen kann. Das zentrale Tool, welches Matt und Taylor vermitteln, nennt sich Kelee Meditation. Neben intensiven Workshops und Einzelcoachings, in denen man die Kelee-Meditation übt und lernt, sich mit seinen Ängsten auseinander zu setzen und Präsenz zu erlangen, gibt es Surfsessions, in denen man seine neu gewonnene mentale Stärke in den Wellen ausprobieren kann. Das Training fand auf den Malediven an Board der mehr als angenehmen Yacht, Carpe Vita, statt.

Es hörte sich im ersten Moment perfekt für mich an. Als ich aber die Teilnehmerliste einsehen konnte, stieg die Nervosität. Die Gruppe bestand aus neuseeländischen, US-amerikanischen und vorwiegend australischen Managern. Ich war die einzige Frau und bei weitem die unerfahrenste Surferin an Board. Als ich das Video eines ehemaligen Teilnehmers des Programms im Netz entdeckte, kamen ernsthafte Zweifel in mir auf. Dort waren Männer zu sehen, die, nachdem sie ein paar Barrels gesurft hatten, zu den Klängen von AC/DC auf einen Jet-Ski in den Sonnenuntergang rauschen. Das machte mir so ein bisschen Angst und auf so eine Ego-Macho Nummer hatte ich nun wirklich keine Lust.

Im Surfen ist ohnehin häufig eine Menge Ego am Start. Jeder möchte die beste Welle für sich haben. Der Reiz und die Herausforderung des Surfens ist es, dass jede Welle einmalig ist. Wenn man einen Fehler macht, verpasst man die Welle oder man fällt und die Welle bleibt ungesurft. Es gibt keine Wiederholung. Chance vertan. Vorbei.

Damit im Kampf um die beste Welle kein Chaos ausbricht, gibt es auf dem Wasser klare Regeln: derjenige hat Vorfahrt, der am nächsten am brechenden Teil der Welle ist. Das soll Unfälle und Konflikte vermeiden. Interessant wird es beim Surfen genauso wie im (Geschäfts-)leben, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält. Man kann damit entspannt und tolerant umgehen. Das ist umso leichter, je mehr gute Wellen und je weniger Surfer es im sogenannten Line-up gibt. Wenn jeder seine Erfolgserlebnisse hat, ist Großzügigkeit eine leichte Übung. Bei einer erlebten Ressourcenknappheit kann es aber vorkommen, dass die Stimmung kippt. Dann fängt das Gemurre an. Schuldzuweisungen. Beschwerden. Im Extremfall kommt es zu Handgreiflichkeiten. Manchmal wird hinter vorgehaltener Hand geschimpft: „Hast Du den gesehen? Kommt als letzter und nimmt einfach die erste Welle! So was von respektlos!“

Ich komme mir dann so ein wenig vor wie in der Kaffeeküche eines Großkonzerns. Hier wird ja oft über die lieben Kollegen hergezogen. Statt Konflikte direkt anzusprechen und zu lösen wird gelästert. Mit einem klaren und wertschätzenden Feedback könnte man dem Kollegen die Chance auf eine echte Verhaltensänderung geben. Das tun wir aber selten. Stattdessen schimpfen wir. Und wir finden unter Garantie jemanden, der ein offenes Ohr für unsere Klagen hat. Oft herrscht die Meinung, wenn man sich den Frust von der Seele redet, ginge es einem besser. Meine Erfahrung ist eine andere. Man übt sich im Lästern, hält den Ärger unnötig aufrecht und vergrößert ihn. Denn nun ist auch der Kollege, dem man die Geschichte des Übeltäters erzählt hat, schlecht auf diesen zu sprechen. Und schon haben wir einen Graben zwischen uns und dem Anderen gezogen. So entstehen Kriege. Manchmal in der Kaffeeküche, manchmal im Tropenparadies. Zum Thema Lästern habe ich daher eine klare Empfehlung: Lassen Sie’s. Macht nicht glücklich. Fühlt sich nicht gut an. Bringt vertane Chancen nicht zurück. Absolut sinnlose Energieverschwendung.

Oft liegt es aber gar nicht an den Anderen, wenn wir unsere Leistung nicht abrufen können. Laut Matt Griggs beeinträchtigen zwei Faktoren unsere Leistung: Angst und Erschöpfung. Das Potenzial können wir vor allem heben, wenn wir den Mind öffnen. Und so setzen wir uns in einer Workshop-Session mit unseren Ängsten und Glaubenssätzen auseinander. Dass die erfolgreiche Beraterin in mir mit ihrer übersprudelnden Heiterkeit immer wieder von Versagensängsten und heftiger Wut geplagt wird, wissen Leser meines Blogs. Ich notiere die Top 3 meiner mich limitierenden Glaubenssätze in mein Lernheft.

Bei der nächsten Surfsession beobachte ich, dass ich trotz des türkisblauen Wassers und perfekter Wellen schlecht gelaunt werde, als ich sehe, dass sich ein Mitreisender vom Jet-Ski ins Line-up ziehen lässt, während ich wie eine Irre gegen Strömung anpaddle. Je erschöpfter ich werde, umso lauter wird in mir das übliche Geplapper:

„Ich bin zu alt für so was!“

„Das schaffe ich nie im Leben!“

„Vielleicht sollte ich es einfach sein lassen mit dem Surfen?“

Mit diesem Mindset schaffe ich es konsequenterweise auf keine einzige Welle. Als mir dann noch ein Kollege reindropt, also die Vorfahrt nimmt, flippe ich innerlich aus. Wie Walter Sobchak in einem meiner Lieblingsfilme „The Big Lebowski“ möchte ich den Übeltäter anbrüllen: „Das ist hier nicht Vietnam. Es gibt Regeln!“ Zeit, aus dem Wasser zu gehen, Lara.

An Board kommt mir Taylor entgegen und fragt mich wie mein Surf war. Ich bin den Tränen nahe, schimpfe auf mich und das Leben, ohne wirklich Sinnvolles von mir zu geben. Taylor schaut mich sehr ruhig an und antwortet mit klarer Stimme: „It’s just an ocean experience“. Ich bin total verblüfft. In diesem Moment verpufft mein Ärger. Einfach so.

Sehr bewegt berichte ich beim Mittagessen Geoff davon, einem Kardiologen aus Kalifornien. Im nächsten Workshop sagt Geoff, dass ihn dieses Gespräch über sein Tief nach derselben Surfsession hinweggeholfen hat. Wie bitte? Geoff ist frustriert über seinen Surf? Der Typ, der zu seinem 40. Geburtstag, den er an Board feiert, in ein Barrel zieht und lebendig wieder rauskommt? Dabei denke ich, wenn ich so gut surfen könnte wie Geoff, wäre ich immer glücklich im Wasser. Haha! Denkste!

Taylor erzählt davon, wie frustriert er über viele Jahre beim Surfen war. Zwar hat er viele Einzelwettbewerbe gewonnen. Der Sieg der Gesamtwertung der WSL Tour blieb ihm aber in seiner Karriere verwehrt. Er schaffte es „nur“ auf Platz 4. Das hat anscheinend viele Jahre an seinem Ego genagt und das, obwohl Taylor bei unzähligen Surfern aufgrund seines unfassbaren Stils einen gottähnlichen Kultstatus hat. Dass er an seinen „Niederlagen“ nicht wie viele Leistungssportler zerbrochen ist, führt er auf seine tägliche Kelee-Meditationspraxis zurück. Er ist nicht nur nicht zerbrochen. Taylor ist ein herzlicher und absolut liebenswerter Mensch. Man muss diesen Kerl mit seiner spitzbübischen Art einfach gern haben. Matt, dieser Hüne von einem Mann, hat diese ruhige, unaufgeregte Präsenz und ist ein interessierter und empathischer Zuhörer. Moment – ein echter Mann, der zuhört und einfühlsam ist? Dazu noch ein Australier? Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir Frauen uns von ein paar Männerkonzepten verabschieden? Vielleicht hat aber Keele einfach etwas Magisches? Wir Teilnehmer werden in der Woche zunehmend entspannter, offener und unterstützen uns gegenseitig besser.

Matt und Taylor ermutigen uns, Neues auszuprobieren. Viele Surfer stecken in ihren alten Routinen fest und wollen die Welle einfach nur zu Ende surfen. Sie wagen sich nicht an neue Manöver heran, aus Sorge die Welle zu verlieren. „Schaut Euch die Profis beim Aufwärmen vor den Surf-Contests an. Was fällt euch auf?“, fragt Taylor in einem weiteren Workshop. Schweigen in der Gruppe. „Sie fallen öfter. Sie opfern die ein oder andere Welle, da sie neues ausprobieren. Nur so lernt man.“

Ich bin auf diesem Trip oft gefallen. Mein ganzer Körper war übersäht mit blauen Flecken und kleinen Schnittwunden. Habe ich mein Surfen verbessert? Da bin ich nicht sicher. Meine Wellenausbeute war mager und nach wie vor bin ich gefühlt Lichtjahre von dem von mir angestrebten Cutback entfernt. Ich habe aber eine Menge gelernt, z.B. dass ein Mann wie

  • Bill, der für mich der perfekte Fels in der Brandung ist, auch manchmal Angst vor großen Wellen hat.
  • Toni, der für mich ein großes Vorbild ist in Sachen Flexibilität, Geschmeidigkeit und Vitalität in mir etwas Inspirierendes sieht
  • John, der so klug und ein exzellenter Beobachter ist und immer punktgenau die richtigen Worte findet, dennoch manchmal so ein wenig an seiner Intelligenz zweifelt.

Ich könnte die Liste beliebig fortsetzen! Ich lerne so gerne und so viel mit und von tollen Menschen. Ich liebe das! Ob Mann oder Frau, egal! Kernerkenntnis ist mal wieder: Wir schlagen uns alle mit demselben Wahnsinn in unseren Köpfen herum. Themen wie die folgenden kennen wir alle:

„Ich bin nicht gut genug.“

„Ich fühle mich der Gruppe nicht zugehörig.“

„Mich plagt ein schlechtes Gewissen, weil ich zu wenig Zeit mit der Familie verbringe.“

„Ich sollte mehr Selbstvertrauen haben.“

„Ich kann nicht „Nein“-sagen.“

Ist irgendetwas davon ist typisch männlich oder weiblich? Ich denke nicht. Angst entwickelt sich unabhängig vom Y-Chromosom. Unser Mind hat kein Geschlecht. Am Ende sind wir alle nur Menschen und um Matt zu zitieren: „Es ist nicht immer einfach, ein Mensch zu sein. Let’s face it“.

Wir können uns gegenseitig das Leben zur Hölle machen oder uns gemeinsam auf die Reise unseres Lebens begeben. Wenn wir wirklich präsent sind, sind wir mitten drin im Paradies. Sogar, wenn wir uns in der Kaffeeküche im Großkonzern befinden.

Wenn es mal wieder rauh zugeht in deutschen Chefetagen, wünsche ich mir, dass Führungskräfte sich bewusstwerden, dass es nicht das Ende der Welt ist, auch wenn es sich so anfühlt. It’s just a business experience. Wenn sie sich darüber ärgern, dass sie einem Reorganisationsprozess oder einer Intrige zum Opfer gefallen sind, möchte ich ihnen zurufen: „Profis fallen öfter!“ Das macht den Fall nicht weniger schmerzhaft, aber es verringert das Leiden sofort und gibt uns die Möglichkeit, unsere Energie dort hin zu fokussieren, wo sie etwas bewegen kann.

  1. It’s just a business experience.
  2. Profis fallen öfter.

Vielleicht sollte ich darauf basierend mal ein neues Training entwickeln? Warum nicht? Aber eines ist sonnenklar: in diesem Training wären auch Männer so was von willkommen!

Fotos: Andy Potts