„Wie können wir unsere Meetingkultur verbessern?“ werde ich in schöner Regelmäßigkeit gefragt. Meetings – keiner mag sie. Alle denken, es gibt derer zu viele. Selten bringen sie die gewünschten Ergebnisse. Manche der Meetings sind sogar richtig unangenehm.

Herr O., Leiter der F&E eines Maschinenbauunternehmens, verabschiedetet sich vor ein paar Wochen am Ende eines Coachings  mit den Worten von mir, er müsse nun zur „Lateinstunde“. So nannten seine Kollegen und er das Meeting mit dem Vorstand. Ich konnte mit der Aussage zunächst nichts anfangen, da ich mich eigentlich ganz gern an meinen Lateinunterricht erinnere. Ich mochte Latein und auch meinen Lateinlehrer, Herrn Haunschild. Ich erwähne ihn gerne als Beispiel, wenn ich in meinen Trainings von Charisma spreche. Herr Haunschild hatte, in meiner Erinnerung, eine tolle Präsenz. Nie drohte er mit Verweisen und Nachsitzen. Wenn er das Klassenzimmer betrat, wurde es ruhig und einfach Latein gemacht. Insofern verstand ich nicht ganz, worauf Herr O. hinaus wollte. Er erklärte, in seiner „Lateinstunde“ kämen die Manager zum Rapport und jeder bekäme vom Vorstand eines auf den Deckel. Aha!

Als ich letzhin meine Schulfreundin Michaela traf,  wollte ich von ihr wissen, was aus ihrer Sicht das Geheimnis von Herrn Haunschild war. Warum waren seine Lateinstunden so angenehm? Sie schaute mich an, als habe ich den Verstand verloren. „Latein angenehm? Haunschild charismatisch? Für mich war der immer der totale Horror!“

Während wir uns weiter unterhielten, kamen Erinnerungen an die Schulzeit in mir hoch. 1985, Unterschleißheim. Michaela hatte beim Vokabelabfragen im Lateinunterricht mal wieder einen Blackout. Obwohl sie die Vokabeln gepaukt hatte, konnte sie diese nicht abrufen. Im Klassenzimmer wurde es mucksmäuschenstill. Ich vermied den Blickkontakt mit Herrn Haunschild. Ich wusste die Vokabel, wollte aber mit der richtigen Antwort Michaela nicht bloßstellen und betete, nicht dran zu kommen. Dieses ungute Gefühl aus Angst, Scham und Hilflosigkeit. Warten, dass es endlich vorbei ist. Nun verstand ich, was Herr O. mit Lateinstunde meinte.

Welche Erinnerung entsprach nun der Realität? Meine glückliche Lateinkindheit oder der Horrorfilm von Michaela? Die Rechtspsychologin Julia Shaw, die sich selbst gerne als Mindhackerin bezeichnet, legt in ihrem Buch „Das trügerische Gedächtnis“ nahe, dass keine unserer beiden Erinnerungen an die Lateinstunde der Wahrheit entspricht. Die in zahlreichen Untersuchungen belegte Grundthese ist, „dass unser Gehirn ein raffinierter Trickbetrüger ist,“ dass es selber den Inhalt verändern kann, andere aber auch. Shaw pflanzt in ihren Untersuchungen Versuchspersonen immer wieder Geschichten in deren Köpfe ein, von denen diese dann berichten, sie können sich wirklich daran erinnern. Seitdem dies bekannt ist, greift man bei der Aufklärung von Verbrechen, soweit es geht, auf Fakten wie DNA-Analysen und Videoaufzeichnungen zurück und steht Zeugenaussagen sehr kritisch gegenüber.

Was ist die Wahrheit in Bezug auf Herrn O.’s Lateinstunde? Witzigerweise durfte ich den „schrecklichen“  Vorstand, Herrn K. letzthin kennenlernen und einen ganzen Tag mit ihm arbeiten. Ich halte ihn für äußerst intelligent, kompetent und einen sympathischen Menschen. Ich bin der festen Überzeugung: er will das Beste für die Firma. Zudem würde ich ihn im Benchmark der deutschen Ingenieure für motivierend und – ich lehne mich hier ein wenig aus dem Fenster: ziemlich charismatisch beschreiben. Also mindestens so charismatisch wie Herrn Haunschild! Er beklagte sich bei mir bitterlich über seine Manager: sie würden einfach ihre Hausaufgaben nicht machen (sic!). Immer kämen sie nur mit Problemen und nicht mit Lösungen.

Woran liegt das? Ist Herr K. zu streng? Oder sind seine Manager einfach faul oder gar inkompetent? Beides – je nachdem wen man fragt. Wir glauben das und leiden und schleppen uns Woche für Woche in ein als schmerzhaft erlebtes Meeting. Was für eine Verschwendung von wertvoller Lebenszeit! Wie kommen wir da raus?

Ich habe viel über Führung gelernt, seitdem ich Kinder habe. Auf unserem ersten Surftrip in Portugal ging ich nach der Ankunft mit meinem beiden Söhnen zum Einkaufen. Ich war ziemlich gestresst und hielt es nach der langen Anreise für eine gute Idee, zu Fuß zu gehen und auch die Kinder brauchten Bewegung. Zum Supermarkt ging es einen steilen Berg hinunter. Auf der Hälfte der Strecke machte ich mir Gedanken, wie es wohl sein würde, die Einkäufe wieder den Berg hinauf zu schleppen. Da fiel mir auf, dass ich keinen Rucksack und keine Taschen dabeihatte. Ich möchte den Gebrauch von Plastik so gut es geht vermeiden und auch meinem älteren Sohn, Samuel ist dies ein besonderes Anliegen. Wie konnte mir das passieren? Aus Ärger machte ich Samuel Vorwürfe: „Da hättest Du auch dran denken können, Tüten einzupacken!!“ Samuel versuchte mich zu beschwichtigen: „Aber das ist doch nicht so schlimm. Wir brauchen doch maximal zwei Tüten. So viel kaufen wir doch gar nicht ein“

Ich: „Ach, weil DU nicht dran gedacht hast, sind es „NUR“ zwei Tüten!“

Samuel: „Aber du brauchst ja eh immer am Ende des Urlaubs ein paar Plastiktüten für Schmutzwäsche und so.“

An dieser Stelle klinkte sich mein damals 10 Jahre alter Sohn Leander ein: „Wisst Ihr was? Ihr könnt Euch gar nicht einigen. Mama redet darüber, was wir TUN HÄTTEN MÜSSEN. Und Samuel redet darüber, was wir TUN WERDEN!“

Bäm! Das saß. Kindermund tut Wahrheit kund. Ich schaute verdutzt diesen kleinen Kerl an. Wie recht er hatte! Ich hatte wohl kurzzeitig den Verstand verloren. Statt den ersten sonnigen Spaziergang seit langem mit meinen beiden Söhne zu genießen, verbreitete ich Stress und schlechte Laune. Eine dicke Entschuldigung war fällig. Ein Gefühl von Dankbarkeit für diese tollen Kinder durchströmte mich. Der Urlaub konnte beginnen!

Ich vermute, es ist das, was in Herrn O.’s Lateinstunde geschieht. Er geht schon voller Anspannung in die Lateinstunde. Er weiß, es wird schrecklich werden. Warum? Weil es in seiner Erinnerung immer schon so war! Selbiges gilt für seinen Chef. Bei der Besprechung der ToDos, fällt Herrn K. auf, dass Herr O. eine Aufgabe nicht so erledigt hat, wie er, Herr K. sich das vorgestellt hat. Herr K. hat einen hohen Anspruch und ärgert sich über sich selbst, dass er seine Vorstellungen klarer HÄTTE formulieren MÜSSEN hat. Er wird vorwurfsvoll und spricht darüber, was Herr O. HÄTTE tun MÜSSEN.

Gleichzeitig versucht Herr O. Herrn K., zu beschwichtigen, und erklärt, was er bis zum nächsten Meeting TUN WIRD. Dabei agiert er schuldbewusst. Es ist ihm selbst unangenehm. Auch er möchte seinen Job gut machen. Herr O. kommt immer mehr in eine Rechtfertigungshaltung, und fordert, dass er DEMNÄCHST MEHR unterstützt werden MUSS. Worauf Herr K. zurückblafft, das wäre ja kein Problem gewesen, aber dazu HÄTTE Herr O. ihn proaktiv informieren MÜSSEN. Die beiden springen zwischen Vorwürfen die Vergangenheit und Forderungen die Zukunft betreffend. So ist es ist nicht möglich, zu einer Lösung zu kommen! NICHT MÖGLICH!

Bei den anderen hochbezahlten Meetingteilnehmern hat sich das altbekannte, ungute Gefühl aus Angst, Scham und Hilflosigkeit irgendwann in eine gewisse Abgestumpftheit transformiert. Sie blicken pseudo- interessiert und haben mental ausgecheckt. Was gibt es heute in der Kantine? Was der schon für Hosen trägt! Wie lange dauert das Meeting noch? Wir haben schon um 20 Minuten überzogen. Der nächste Termin wartet. Endlich der Pausengong.

Der Meeting-Modus ist eine  langjährig antrainierte Verhaltensweise, die zu einer schwer zu verändernden Gewohnheit geworden ist. Als Gegenmittel wurde uns lange vermittelt, wir mögen uns klare Ziele setzen. Wenn wir nur klar genug visualisieren, dass wir ein effizientes und zielorientiertes Meeting haben, wird es uns auch gelingen. Viele erfolgreiche Sportler oder Schauspieler behaupten, genau diese Methode habe sie ihr selbst gestecktes Ziel erreichen lassen. James Clear argumentiert in seinem überaus lesenswerten Buch Atomic Habits gegen diese Methode. Schließlich hätten die Verlierer im Wettbewerb um die Goldmedaille oder den Oscar genau dasselbe getan – und ihr Ziel nicht erreicht. An der Zielformulierung und -visualisierung liegt es also nicht. Eine bestechende Argumentation.

Wer hat nicht schon davon geträumt, einem dominanten oder unfairen Chef vor versammelter Mannschaft in seine Grenzen zu weisen? Doch die wenigsten Menschen tun dies tatsächlich. Zu lange haben wir trainiert, in diesen Situationen den Kopf einzuziehen. Fast scheint es mir, als war der Lateinunterricht für manch einen angehenden Manager so eine Art Bootcamp für das Überleben von zähen Meetings. Ich glaube aber, so war das nicht gemeint mit non scholae, sed vitae discimus! (Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!) Nicht wahr, Herr Haunschild?

Clear empfiehlt einen andere Vorgehensweise. Er postuliert, dass zum Erreichen von großen Zielen. Veränderungen im Kleinen die beste Voraussetzung seien. Diese würden jedoch nur wirken, wenn sie nicht im Kontrast zum Selbstbild stünden. Die Basis ist daher das Schaffen einer neuen Identität.

Konkret geht das in folgenden zwei Schritten:

  1. Entscheide Dich für eine Identität: Wer möchtest Du sein? Ein Schulkind oder ein (leitender) Angestellter?
  2. Beweise Dir Deine Identität durch eine Kleinigkeit im Verhalten: Schau an Dir herunter. Hast Du einen Autoschlüssel? Das heißt, Du bist erwachsen. Richte Dich zu Deiner vollen Größe auf und verkörpere diesen Erwachsenen durch Deine Sitzhaltung. Lass die ein oder andere Rechtfertigung sein. Rede nicht mehr darüber wer was HÄTTE TUN MÜSSEN und, wer was in Zukunft TUN SOLLTE. Das könnte die erste kleine Veränderung sein, die den Impuls für eine höhere Lösungsorientierung im Meeting gibt.

Fragen Dich dann:

  • Arbeiten wir im selben Unternehmen? Ja?
  • Wollen wir, dass dieses erfolgreich ist? Ja?
  • Warum haben wir dieses Meeting? Erinnere Dich, wer du bist!
  • Für welches Problem würde der erfolgreiche Erwachsene, der Du ja bist, hier und jetzt gemeinsam mit seinen Kollegen eine Lösung finden?

Und dann ran an die Arbeit!

Funktioniert das wirklich? Das kann ich nicht versprechen. Sie werden es nur wissen, wenn Sie es ausprobieren. Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Sicher ist jedoch: das Alte hat nicht funktioniert. Und: Die Lateinstunde ist lange vorbei!