„Frau Keromosemito, was macht Menschen Ihrer Meinung nach erfolgreich?“ Wenn diese Frage gestellt wird, habe ich oft den Eindruck, der Fragensteller ist auf der Suche nach der Zauberformel zum Erfolg. Ich habe sie nicht, aber ich lese viel und hoffte, die Antwort darauf in Simon Sineks Megabestseller „Start with Why“ zu finden.

Den Ted-Talk von Sinek hatte ich mir natürlich vor langer Zeit schon zu Gemüte geführt. Diverse meiner Kunden meinten aber, das Buch zu lesen, würde sich darüber hinaus lohnen. Somit las ich es zu Beginn meiner Surfauszeit diesen Winter in Australien. Soll heißen, der unter Surfern geschätzte Lifestyle SURF, EAT, SLEEP, REPEAT, wurde bei mir durch READ ergänzt. Sinek, here we go and Merry X-mas!

Grundthese Sineks ist es: wenn Du ein Business aufbauen und langfristig erfolgreich halten möchtest, ist es wichtig, sich mit dem „Warum“ auseinander zu setzen und dieses konsequent in den Mittelpunkt aller Entscheidungen zu stellen. Er erläutert dies anhand diverser US-amerikanischer Unternehmen, am liebsten zitiert er Apple. Das „Warum“ von Apple sei, sie würden konsequent, den Status quo herausfordern und anders denken. Dies sei die Maxime, anhand derer Apple agiere und der Grund für ihren jahrzehntelangen Erfolg!

Moment Erfolg! Was ist das eigentlich? Sinek unterscheidet in seinem Buch zwischen Leistung / Zielerreichung (Achievement) und Erfolg! Ich folge Sinek gerne bei seiner Überlegung, dass Erfolg ein Zustand sei, in dem man sich befindet, ein Gefühl.

Und jetzt? Wie kann man dieses Konzept, das offensichtlich viele meiner Kunden inspiriert, pragmatisch anwenden? Seit mehr als 25 Jahren arbeite ich als Beraterin und habe viele Unternehmen wachsen und auch ein paar wieder sterben sehen. Konzerne mit einer jahrzehntelangen Firmenhistorie und Start-ups, die nach wenigen Jahren von der Bildfläche verschwanden. So ist das Wirtschaftsleben nun mal.

In fast jedem Coachingprozess stelle ich meinen Coachees irgendwann die Frage: was das belastende für sie daran wäre, wenn Sie ein Ziel nicht erreichten. Im schlimmsten Fall stellen sie sich dann vor, dass das Unternehmen pleite geht. Dann möchte ich wissen, was dies für sie persönlich bedeuten würde. Darauf antworten sie nahezu zu 100%:

  • „Ich habe versagt.“
  • „Ich habe es nicht geschafft.“
  • „Ich bin nicht gut genug.“
  • „Ich habe mein Potenzial nicht ausgeschöpft.“
  • „Es fühlt sich nicht gut an.“
  • etc.

Für’s Protokoll: meine Coachees sind das, was man „erfolgreiche“ Menschen nennt. Sie bringen Leistung, werden geschätzt und sie machen ein Coaching, damit sie noch erfolgreicher werden. Meine Coachees sind aber trotz ihrer ausgesprochenen Leistung- und Zielorientierung zugleich besonders gut darin, sich als komplette Loser zu fühlen. Manchmal reicht es, dass ich ihnen drei Fragen stelle. Ist der menschliche Verstand nicht unglaublich?

Während meine Coachees gedanklich diese Horrorszenarien durchlaufen, sitzen sie in meinem Büro in Köln in der Regel auf einem grauen Stuhl. Ich nenne diesen daher insgeheim den Loser-Stuhl. Fast jeder meiner Coachees setzt sich darauf sitzend irgendwann mit seiner Versagensangst auseinander.

Es ist nur ein Gedankenspiel, wenn auch ein sehr lehrreiches. Die Arbeitgeber meiner Kunden sind in der Regel sehr weit von der Insolvenz entfernt, auch wenn das Top-Management manchmal so agiert. Auch Apple, das Sinek so gerne als leuchtendes Beispiel nennt, gibt es immer noch. Allerdings ist Steve Jobs 2011 mit Mitte 50 mit einem geschätzten Gesamtvermögen von 8,3 Milliarden US $ gestorben. Was heißt in diesem Kontext erfolgreich? Ich weiß nicht.

Manchmal lasse ich meine Coachees gedanklich über den Friedhof gehen und sich vorstellen, was wohl auf ihrem Grabstein stünde:

  1. Hat es geschafft = Gewinner
  2. Hat es nicht geschafft = Verlierer.

Und was denken sie, stünde auf dem Grabstein anderer Menschen, z.B. auf dem von Steve Jobs? Aus der Friedhofsperspektive ist dieser Gedanke zu 100% sinnlos! Sind ja eh Alle tot! Wir lachen dann herzlich! Dann stellen wir fest, dass Gewinnen und Verlieren nur ein gedankliches Konzept ist. Eine Phantasie, wenn auch eine sehr mächtige! Wenn uns diese kidnappt, kann sie einerseits Motor für das Erzielen von Ergebnissen sein. Andererseits sind es genau diese Gedanken, die erfolgreiche Menschen depressiv machen, denn nächstes Jahr wird die Messlatte ohnehin noch mal höher gehängt. Der Weltmeister von heute ist der Ex-Weltmeister von morgen. Stillstand ist nicht erlaubt.

Ist es nicht? Wer sagt das? Carissa Moore, meine absolute Lieblingssurferin, die 2019 die WSL-Tour gewonnen hat, hat kurz nach dem Gewinn des Titels verkündet, dass sie 2020 ein Jahr von der Tour pausiert. Sie begründete dies damit, dass sie sich in der Zeit anderen für sie wichtigen Themen widmen möchte und dann 2021 erfrischt, glücklicher und aufgeregter als bisher zurück zu kehren wolle.

Damit steht sie in starken Kontrast zu Kelly Slater, der im Alter von 47 seit über 25 Jahren im Surfzirkus dabei ist und 11 Weltmeistertitel gewonnen hat. Man sagt, wenig Menschen seien so wettbewerbsorientiert wie Kelly. Er ist ein Gewinnertyp!

Carissa wird übrigens 2020 die USA bei  den Olympischen Spielen  vertreten, Kelly hat die Teilnahme knapp verpasst. Beiden beim Surfen zuzuschauen ist ein Genuss! Wer von den beiden ist erfolgreich? Welches Leben erscheint erstrebenswert? Das kann nur jeder der beiden für sich beantworten, denn nur die beiden wissen, wie sie sich fühlen. Und dann gibt es auch keinen Vergleich und damit keinen Wettbewerb.

Nun sitze ich an Australiens Goldcoast, schaue Surfern dabei zu, wie sie versuchen, dem Meer Wellen abzuringen und komme nicht weiter mit der Frage, was Menschen erfolgreich macht. Vielleicht doch lieber ins Meer springen? Sind ja Ferien.

Warum ich surfe, werde ich oft verständnislos von Nicht-Surfern gefragt. Weil ich es liebe, im Meer zu sein. Der Adrenalinrausch, der mich durchspült, wenn ich einen „Drop“ aus einer kopfhohen Welle mache und die Welle entlang schieße, ist nach wie vor eines der besten Gefühle, das ich kenne. Es fühlt sich an wie Erfolg. Damit sich dieses Gefühl einstellt, trainiere ich konsequent. Jeden Morgen mache ich meine Meditation, meine Fitnessübungen, sowie in Köln mindestens 2 x pro Woche Schwimm- oder Paddeltraining auf dem Fühlinger See. Es gibt aber auch die andere Erfahrung beim Surfen. Die Surfsessions, in denen ich „nichts“ schaffe, denke, dass ich nicht gut genug bin und dass eine fünfzigjährige Frau zwischen all den jungen Männern hier gar nichts zu suchen hat. Du willst wissen, wie es sich anfühlt, zu den Verlierern zu gehören? Frag mich!

Aus diesem Zustand heraus, wird es schwer, eine Welle zu erwischen. Matt Griggs gab mir diesbezüglich folgenden Ratschlag: Surfe immer von dem Gefühl der Liebe zum Meer aus. Wenn die Versagensangst reinkommt, hilft eine kurze Kelee-Meditation, um den Mind wieder zu öffnen. Und sei freundlich mit Dir! Das mache ich, wenn ich mich in die Fluten stürze. Ich erinnere mich daran: es gibt hier nichts zu Gewinnen und nichts zu Verlieren. Kann ich freundlich mit mir sein, auch wenn ich heute „nichts schaffe“? Ich arbeite dran und beherzige dabei die drei P’s: Practice, Patience & Persistence.

Dasselbe praktiziere ich in meinem Job und vermittle es in meinen Coachings und Trainings:

  • Wenn Dir etwas nicht gelingt, übe Dich darin, den Druck rauszunehmen.
  • Mach Pausen!
  • Lehne Aufträge ab, die sich nicht gut anfühlen!
  • Achte auf Dich, denn nur so kannst du den Job, den Du ursprünglich mit viel Elan angetreten bist, lange und gut machen!
  • Konzentriere Dich nicht nur darauf, Dein Ziel zu erreichen, sondern erlaube Dir zu fühlen, was auf dem Weg passiert.
  • Warum? Weil das hier nicht die Generalprobe für Dein Leben ist! Das ist Dein Leben!

Ron Rathbun sagt: Erfolg ist nur komplett, wenn Du es fühlst. Das gebe ich gerne an meine Coachees weiter. Mal kommt die Botschaft an, mal nicht. Auch auf den deutschen Chefetagen gibt es Kelly Slaters, Carissa Moores und Steve Jobs. Sie alle wollen ihren Job gut machen. Manchmal schießen sie über das Ziel hinaus. Manchmal sind sie voller Zweifel. Manchmal machen sie Sachen, die bei mir ein Kopfschütteln hervorrufen. Ich sehe ihnen mit Bewunderung beim Arbeiten zu und höre gerne ihre Geschichten. Gemeinsam entwickeln wir uns weiter. Wir stehen nicht im Wettbewerb. Wir üben uns darin, uns mit all den Pros hier im Wasser gut zu fühlen. Sollten wir uns auf dieser Reise kurzfristig nicht gut oder als Loser fühlen, dann verspreche ich, das ist wie ein Wachstumsschmerz. Das geht vorbei. Und wir haben die beste Zeit.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass sich 2020 ganz unabhängig von den erreichten Zielen gut anfühlt und viel Erfolg! Was auch immer das bedeutet!